Einsortiert unter: Deppenschelte, Deutschland, Kultur, Politik, Wirtschaft & Wahnsinn | Schlagwörter: "Journalismus", Dass ich nicht lache, Depression, Enke, FrauenFragen, Ganzjährig November
Im Deutschen gibt es so treffliche Ausdrücke; 2009 mochte ich am meisten: Klimagipfel. Ölpreisbindung (gut, der ist alt, aber ein Klassiker). Schweinegrippe. Selbstmord verüben (v e r ü b t man eigentlich noch etwas anderes, oder ist dieses schöne Wort idiomatisch erstarrt? Wäre schade drum). Finanzkrise. Harzen. Bankenkonsortium. Kanzlerimpfstoff. Bonusheft. Kriegsähnliche Zustände. Abwrackprämie… mir würden noch viele einfallen, aber ich merke, dass ich von der Aufzählung Depressionen bekomme. Deshalb nur noch schnell meine absolute Lieblings-Journalisten-Bullshit-Formulierung der gesamten letzten Dekade, mit der dringenden Bitte an die Kollegen, diese Frage ab 2010 nur noch weiblichen Kunstturnern zu stellen: „Wie schaffen Sie eigentlich den Spagat zwischen Beruf und Familie?“ Schönen Wüstenrot-Tag und Happy New Year, Ihr Dumpfbacken!
Einsortiert unter: Deutschland, Ein ganzes Land braucht Therapie, Was fehlt uns denn?, Wirtschaft & Wahnsinn, Wo bleibt das Positive? | Schlagwörter: Die Kunst des Schreibens, Geld, Kultur
Im Revolutionen-Anzetteln sind unsere Nachbarn einfach geübter als wir; auch für zivilen Ungehorsam und wirksame Bürgerproteste gibt es bei denen viele schöne Beispiele. Und jetzt stellt sich heraus, dass Frankreich auch im Prozessieren gegen Suchmaschinen-Giganten eine Nummer besser ist. Die deutsche Verwertungsgesellschaft Wort konnte bei dem mysteriösen „Settlement“ mit Google nur einen läppischen Betrag pro Autor (ich habe irgendwas um € 60,- in Erinnerung) herausschlagen und die Option, dass ein Autor verbieten darf, seine Werke einscannen zu lassen, nur: darum muss er sich bitteschön selbst kümmern). Der französische Verleger- und der Schriftstellerverband haben jetzt, wie die SZ vom 19./20. Dezember berichtete, für einen einzelnen Verlag € 300.000,- Schadenersatz erstritten – plus € 10.000,- täglich, bis die Auszüge aus französischen Büchern aus der Google-Datenbank verschwunden sind. Geht doch.
Einsortiert unter: Was fehlt uns denn?, Wirtschaft & Wahnsinn | Schlagwörter: Geld, Politisch korrekt, Volkswirtschaft, Vorurteile, Wut
So sehr man verstehen kann, wenn jemand aus Gründen der psychischen Hygiene dem Berlusconi mit einem Mailänder Dom en miniature mal ordentlich die Fresse polieren (nachschlagen bei Doktor Vogl warnt) oder dem Papst mit der bloßen Hand eine „saubere Watschn“ geben möchte … handgemein zu werden hat in Deutschland noch nie zu etwas Vernünftigem geführt, und spätestens seit der RAF wissen wir: Sich gewaltsam gegen die Staatsgewalt wehren zu wollen führt nur zu noch stärkerer Bewachung der Machthabenden, zu einem Erwachen des Stammtischs aus bierseliger Dumpfheit (das verortet sich dann gern weit rechts), und zu notdürftig zusammengeschusterten, die Bürgerrechte immer noch gröber beschneidenden („Notstands”)-Gesetzen. Gewalt sei im Übrigen altmodisch, befindet mein Erstleser. Kurioserweise können wir in puncto Modernität hier von den Russen lernen: Als 2007 eine Gruppe von Esten durchsetzte, dass in Tallin ein sowjetisches Kriegerdenkmal abgebaut wurde, rief die russische Minderheit im Lande ein paar begabte Hacker zu Hilfe. Die sorgten dafür, dass in estnischen Banken, Handynetzen und Regierungscomputern ein paar Tage lang überhaupt nichts mehr ging… da kommt man schon ins Grübeln, nicht wahr? Allein die Vorstellung, wie hübsch man mit der gleichen Methode bei unseren Geldinstituten (die schon wieder – mit 0%-Zins-Knete – herummachen, statt mittelständischen Unternehmen Kredite zu geben) mal ordentlich „Robin Hood“ spielen könnte! Ach komm, träumen darf man.
Einsortiert unter: Deutschland, Ein ganzes Land braucht Therapie, Was fehlt uns denn?, Wo bleibt das Positive? | Schlagwörter: Ganzjährig November, Politisch korrekt, Raucherhatz, Wut
Der deutsche Advent, die „staade Zeit“, ist mir alle Jahre wieder ein Quell gepflegten Amüsements. Diesmal sitzt also an einem dieser hektischen Tage in der S-Bahn Richtung Stadtmitte unser Nachbar Martin, ein australischer Opernsänger. Er will, das macht er mit allen ihm zur Verfügung stehenden körpersprachlichen Mitteln deutlich, einfach da sitzen, sein Buch lesen und seine Ruhe haben. Ich tue so, als hätte ich ihn nicht bemerkt, und nehme zwei Reihen weiter Platz, denn manchmal, das verstehe ich nur zu gut, ist man noch nicht mal in der Stimmung, „Guten Tag“ zu sagen. Hilft aber nichts. An der nächsten Haltestelle steigt ein Mann ein, sieht Martin, stürzt auf ihn zu und leitet ein langes, langweiliges und lautes Gespräch ein mit der Frage: „Was singst’n du? ‘n Jesus?“ Aus ist’s mit der ruhigen Fahrt. Und meinem Erstleser wurde am nächsten Abend auf dem vorweihnachtlich zugigen Bahnsteig, wenige Meter vor der gelb umrandeten „Raucherzone“, von einem jüngeren, schlecht gekleideten Menschen die Zigarette aus dem Mund geschnipst mit der Begründung, man befände sich zwar an der „frischen Luft“, jedoch eben auch a u ß e r h a l b der gelb umrandeten „Raucherzone“… ist das nicht unglaublich adventlich? Der Erstleser stellte daraufhin seine Mappe ab, rollte die Schultern unter dem Mantel auf diese männliche Art, die signalisiert, dass es jetzt gleich Action gibt, und machte eine rasche Bewegung auf den militanten Nichtraucher zu, woraufhin dieser, rückwärts gegen die Plakatwand ausweichend, schrie: „Nicht schlagen, nicht schlagen!“ Der Erstleser nannte ihn einen „unverschämten Lümmel“, steckte sich die nächste Kippe ins Gesicht, nahm seine Mappe wieder auf und rauchte in aller Seelenruhe, während die rundherum versammelten Passanten „Oh!“-Münder machten. Wen wundert es da noch, dass sich die X-Mas-Aggro auch in Italien Bahn bricht, wo eine „offensichtlich geistig verwirrte“ Frau vor dem Mitternachtsmesse in Rom dem Papst eine verplätten wollte? Manche halten den Plätzchenback- und Geschenkekauf-Stress eben nicht so gut aus.
Einsortiert unter: Deutschland, Ein ganzes Land braucht Therapie, Politik, Was fehlt uns denn? | Schlagwörter: Dass ich nicht lache, Gesellschaft, Gesundheit!, Glück, Politisch korrekt
Versicherungskonzern-Vorstände, Landesbank-Manager, Impfstoff-Hersteller, Fernsehintrigantenstadel-Darsteller, S-Bahn-Mörder, geschmierte Gerichtsgutachter, korrupte Gemeinderäte, unfähige Gewerkschaftler, gegnerische Anwälte, Arbeits”agentur“-Leiter, Bahnchefs, heuchlerische Pfaffen, Immobilienhaie, allzu kinderliebe Kardinäle, Mietnomaden, Kriegstreiber und andere miese Politiker jeder Couleur – jedem einzelnen von denen würde ich ja zu gern eigenhändig eins auf die Glocke geben, damit er oder sie mal die Engel singen hört. Aber auf schlechtes Karma hat doch keiner Lust, also wünsche ich lieber auch ihnen „ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!“ (Das müssen Sie sich jetzt in so einem schleimigen, bisschen zittrigen Altmänner-Singsang vorstellen, wie ihn Päpste gern für ihren Weihnachts-Segen einsetzen – haut immer rein am Jingle Bells-Tag!) Und weil das Kurien-Kabarett “Ipsissimus und die Schwestern Urbi und Orbi” wahrscheinlich eh wieder nur was für „Rechtgläubige“ ist, füge ich für den Rest von uns hinzu: Mögen alle Menschen frei sein von Leid und von der Ursache für Leid.
Einsortiert unter: Deutschland, Radio, Wo bleibt das Positive? | Schlagwörter: Für immer jung, Gesellschaft, Krieg, Kultur
Doch, deutsches Radio kann richtig gut sein. Es gibt da ein paar Sendungen auf Bayern 2 – Michael Skasas Kuriositäten-Kabinett „Sonntagsbeilage“ etwa oder das „Kulturjournal“, von dem ich jetzt willkürlich eins herausgreife: Am 6. Dezember 2009 kriegte Ulrich Chaussy es gebacken, die Problematik des U-Bahn-Fahrens zu beleuchten, Ladurners Solferino-Buch ganz zwanglos mit der aktuellen Afghanistan-Action in Verbindung zu bringen und nebenbei noch die neue Tom Waits vorzustellen. Das waren kurzweilige und informative eineinhalb Stunden auditive Unterhaltung. Zugegeben, ich sehe schlecht und bin nicht mehr ganz jung. Aber solche Programmformate müssten außer Blinden und Senioren (beim Fußball spielen Leute über 30 bei den „Senioren“, bittschön) auch noch vielen anderen Menschen taugen, die einem inhaltsreichen und/oder meinungsstarken gesprochenen Text länger als 1′ 30” folgen können, konzentrations-technisch. Diese Botschaft geht an alle Formen intelligenten Lebens und speziell an Kai „Die Stimme“ Taschner: Sonntag ab 17 Uhr Radio BR 2 hören. Lohnt sich meistens.
Einsortiert unter: Deutschland, Ein ganzes Land braucht Therapie, Was fehlt uns denn?, Wirtschaft & Wahnsinn, Wo bleibt das Positive? | Schlagwörter: Deutschland, Gesellschaft, Glück, Wie uns die anderen sehen
- In der letzten oder vorletzten Psychologie heute stand ein Artikel darüber, wie Sachen ihre Besitzer „konstituieren“, und wie Dinge von vielen Menschen als Bestandteil der eigenen Person angesehen werden; das würde einem allerdings oft erst so richtig bewusst, wenn man bestohlen wird. Oder wenn man als alter Mensch in die Senioren-Residenz (Ah! Deutsche Euphemismen: unübertroffen!) eincheckt. Ein Bett, ein Tisch, ein Sessel, die Glotze, das eine oder andere Buch, bisschen Nippes, paar Familienfotos. Zeug, an dem man hängt, weil es einen an etwas erinnert: An sich selbst… Ich komme drauf, weil ich gerade einem Freund beim Umzug helfe – der Mann hat Tausende von Büchern, davon allein 100 Kochbücher! Wieder zuhause, schaue ich mich in meinem Arbeitszimmer um und stelle fest, dass ich auch so grässlich viel Geraffel habe, von dem ich bitteschön nicht „konstituiert“ werden möchte. Und da fällt mir David Bruno mit seiner „100 Things Challenge“ ein – der Typ versucht, mit „nur“ hundert Sachen auszukommen. In USA und Deutschland ein interessantes Experiment – in anderen Breiten wären eine Menge Leute froh, mehr als ein Essgeschirr und etwas zum Anziehen ihr Eigen zu nennen. Wir mit unserem Besitz-Fimmel, wir brauchen doch ehrlich alle eine Therapie.
Einsortiert unter: Deutschland, Ein ganzes Land braucht Therapie, Politik, Was fehlt uns denn?, Wo bleibt das Positive? | Schlagwörter: "Volk", Deutschland, Die Kunst des Schreibens, Wut
Da sitzen wir also in trauter Runde – ein Verleger, ein Schriftsteller, ein Soziologe und ein paar Journalisten – und zerbrechen uns die Köpfe darüber, wieso eigentlich die Revolution nicht ausbricht, wenn doch so viele so unzufrieden sind mit der um sich greifenden Exklusion (siehe Günter Dux, „Warum denn Gerechtigkeit“) und der Angst vor dem Absturz (siehe Heitmeyer-Studie 2009) . Ah, sagt der eine Journalist: Es geht uns in Deutschland so gut wie noch nie und sowieso immer noch viel zu gut für aufrührerische Gedanken. Nun, gibt der Verleger zu bedenken (Bedenken? Die neue Deutsche Rechtschreibung ist mir ein Greuel, pardon: Gräuel), auch das revolutionäre Subjekt fehlt – bei Marx waren es die Arbeiter, ham wer nich mehr, in der Form. Wirft der Soziologe ein: Das Subjekt ist durchaus vorhanden, wiewohl zersplittert in viele einzelne Gruppen, Gruppierungen, Grüppchen: Der verängstigte Noch-Mittelstand, die Internet-Plattformen, Attac … die Vereinzelung verhindert eine wie auch immer geartete Zusammenrottung von Ideen. Meint der Journalist: Vielleicht ist der Zorn das Ziel. Das ist es, rufe ich. Unsere „wutgetränkte Apathie“ muss aufgebrochen werden. An die Laterne, murmelt der Schriftsteller.
Einsortiert unter: Deutschland, Ein ganzes Land braucht Therapie, Wo bleibt das Positive? | Schlagwörter: Die Kunst des Schreibens, Holz-Medien, Krieg, Westerf...ingwelle
In der Süddeutschen Zeitung (ich komm ja doch nicht von den Holzmedien los) hatten unlängst die Rosenkreuzer eine halbseitige Anzeige geschaltet, in der sie über ihre Grundsätze zum Thema Frieden referieren. Was, genau, wollen die tun für Afghanistan und Irak und Somalia (um nur die gängigsten Kriegsgebiete zu nennen), fragt sich die Leserin und blättert ein wenig weiter in deren Homepage. Da ist viel die Rede vom Alten Ägypten (sehr friedliches Land), von den Planeten (Astrologie ist ja verbrieft friedenstiftend, wie wir seit Wallenstein wissen) und von Mitgliedsbeiträgen (aber nicht, in welcher Höhe). Und: Schlechte Gedanken setzen sich in einem fest und machen Aua. Also: Positiv denken! Ja, d a s kriege ich hin. Ungefähr so lange, bis Westerwelle wieder seine Nase in die Fernseh-“Nachrichten“ hält… hmm. Ich sehe schon, mein Weg zur spirituellen Erleuchtung wird ein langer, steiniger werden.
Einsortiert unter: Bücher, Deppenschelte, Deutschland, Was fehlt uns denn? | Schlagwörter: Die Kunst des Schreibens, FrauenFragen, Ganzjährig November
Das deutsche Feuilleton ist so lustig, ich könnte mich ständig wegschmeißen! Allein wie Intellektuelle sich hier aufeinander beziehen, zu süß. Da zitiert etwa Andreas Dorschel in der Süddeutschen Zeitung aus dem neuen Buch („Vom Aufenthalt“, Hanser Verlag) von Botho Strauß die Passage über Frauen, die keine „richtigen“ (?) Frauen mehr seien: „Die Zunahme an Disgrazie und der Totalausfall an hetärischer Intelligenz macht inzwischen jede Frau zum armen Hascherl, gleich welche soziale Stellung sie einnimmt.“ Achgottachgott. Dorschel bescheinigt dem Autor, ein „Märtyrer des Stumpfsinns“ zu sein, weil der klagt: „Wir stehen eigentlich dauernd am Abfertigungsschalter irgendeiner Airline, befinden uns allerwege unter Hooligans, Sextouristen, ins Handy bramarbasierenden Maklern und Beratern und den traurigen Rittern sozialer Vorteilsbeschaffung“. Hat ja völlig recht, der Mann – nur dieses ständige Jammern ist halt so deutsch. Bei unseren nordamerikanischen Freunden kommt Entlarvung ein bissl leichtfüßiger daher: Da lesen Idioten einander öffentlich aus ihren jeweiligen Büchern vor, so geschehen in Conan O’Briens „The Tonight Show“.