365 x Deutschland


176. Deutschland, ein Wintermärchen

Als gestern die Heizung ausfiel – oh, toll, das Thermometer zeigt zehn Miese und es ist Freitag – und die Bude hübsch auskühlte, fand ich während des Wartens auf den Monteur diesen Text der Kollegin Heike Pohl: Eine herzerwärmende Wintergeschichte.



174. Braun II, oder: Wie wird eine deutsche Frau zur Neo-Nazisse?

Bereits eine meiner ersten Kolumnen in der GAZETTE beschäftigte sich mit weiblichen Nazis  – und  ich kapiere heute so wenig wie damals, dass es nach dem Holocaust überhaupt noch Nazis gibt. Am allerwenigsten verstehe ich, wie Frauen da mitmachen konnten/können. Das ist natürlich ein Vorurteil, deshalb höre ich meiner Schwiegermutter (86) sehr genau zu, wenn sie erzählt, wie das damals war, wenn man nicht zu den Gruppenabenden wollte. Und ich weiß auch, dass es KZ-Wärterinnen gab, und flammende Hitler-Verehrerinnen aus den besten Kreisen, darunter übrigens Coco Chanel und Wallis Simpson, die heute noch von politisch unbeleckten Modefuzzis als Stil-Ikonen gefeiert werden. Ulrike Heidenreich hat in der Süddeutschen Zeitung vom 21./22. Januar 2012 einen aufschlussreichen Artikel über Nazissen veröffentlicht, den ich online nicht gefunden habe und deshalb hierher kopiere :

SZ Januar 2012 I
SZ Teil 2

Zum Vergrößern auf die Bilder klicken. Die Qualität lässt zu wünschen übrig, das bitte ich zu entschuldigen. Versuchen Sie dennoch, diese Analyse zu lesen, denn das Thema ist wichtig: Die verkorksten Gören in Springerstiefeln von vor zehn Jahren sind inzwischen in der “Mitte der Gesellschaft” angekommen”. Es leben ja nur noch wenige Zeitzeugen, die den jungen Frauen im O-Ton, so von Mensch zu Mensch, verständlich machen könnten, was sich aus derlei Gedankengut entwickelt; meine Schwiegermutter zum Beispiel, oder Marcel Reich-Ranicki. Hier seine Rede vor dem Bundestag im Wortlaut. Ist es wirklich das, was diese Weiber mit ihrer Deutschtümelei erreichen wollen?

Nachtrag: Heike Pohl empfahl mir diesen Link – hier wird so eine braune Übermutter vorgestellt. Interessante Lektüre.



173. Und nun schalten wir um zur WERBUNG

Habe die ersten Kapitel meines neuen Buchprojekts vorgestellt und danke für die Erwähnung. Kollegenlob freut immer.

Wohin mit Oma? – Ein wunderbares Projekt von Inge Zumbach und Eva Herold-Münzer.



169. Trotzdem schönen Wüstenrot-Tag!

Hatte wieder einen hohen Bäh-Faktor, dieses zur Neige gehende Jahr. Guttenberg. Bunga-Bunga. Wiege der Demokratie. 1 Prozent gegen die übrigen 99 Prozent. Gescheiterte Gipfel. Pressefreiheit „ungarischer Stil“. Hedgefonds. Wasserwerfer Marke Stuttgart 21. „Pro Christ“ian Wulff. Maschmeyer (inkl. Vroni „Yikes“ Ferres). Der Irre von Oslo. Euro-Rettungsschirm-Hebel. Hunger in Afrika, und nicht zu knapp. Kriegsähnliche Zustände, immer noch. Rechts-Terrorismus; Zeit wurd’s, dass auch die „breite Öffentlichkeit“ das Ausländer-Klatschen beim korrekten Namen nennt. (Was die Blindheit unserer Verfassungsorgane auf dem braunen Auge – und ihre Hysterie, wenn es um “linkes” Gedankengut – angeht: Das Wort “Gentrifizierung” steht mittlerweile in der Münchner Abendzeitung, ohne dass ein rote Flagge aufleuchtet, während man 2011 manchen Leuten immer noch den Fall Andrej Holm erklären musste.) Pfui Geier. À propos: Die Labor-Vogelgrippe kommt. Und Kernkraft ist und bleibt ein Spiel mit dem Tod. Eurem und dem Eurer Kinder, Ihr verbrecherischen Energiefürsten von Tepco, E.On & Co., übrigens genauso, auch wenn das das nicht in Eure Spatzenhirne geht. Sonst was Neues? Siehe Eintrag 31: Lieblingswörter des letzten Jahres. Tschä. Hat sich nicht so furchtbar viel geändert.

Für weitere zielführende Informationen schlagen Sie bitte bei Dr. Vogl nach.



162. Charlotte Roche, oder: Was ich an Deutschland mag II

Normalerweise widerspreche ich dem hochgeschätzten Feuilletonchef der AZ nicht – im Fall Charlotte Roche muss es leider sein. Volker Isfort hatte das Spiegel-Gespräch mit der Skandal-Autorin („Feuchtgebiete“) zu ihrem neuen Buch gelesen und befürchtete nun weniger Tabu- als Ermüdungsbrüche. Ich fand das Interview nicht ermüdend, sondern eher ziemlich aufregend. Da sagt mal eine, was Sache ist. Vor lauter Angst, für antifemininstisch gehalten zu werden, traut sich doch sonst kaum jemand, auch nur den Verdacht zu äußern, dass Frauen ihre (Hetero-)Beziehungen scheinbar mutwillig hintertreiben – eine Beobachtung, die in der Praxis gar nicht so selten zu machen ist… Roche hatte allerdings schon gute Ansätze gezeigt, als sie noch FastForward für MTV (oder war’s Viva? Oder VH1?) moderierte, und man konnte sich vorstellen: Wenn die mal erwachsen ist, das wird ein Knaller. Jetzt ist Roche erwachsen, und Alice Schwarzer schreibt ihr einen Brief. Natürlich ehren wir Alice Schwarzer für ihr Lebenswerk, auch wenn sie zuletzt ihre Seele an die BLÖD-Zeitung verkauft hat. Eine demente Oma würden wir ja auch nicht ins Heim stecken, nur weil sie seit ein paar Jahren Unsinn redet. Nein, sie darf bei uns am Tisch sitzen und brabbeln, aber als Vorbild hat sie ausgedient. Neue Leitfigur könnte eine wie Roche werden. Verrückt wie ein Märzhase, das schon – aber wer von uns hätte selbst nicht leicht einen an der Klatsche (außer dir, Mami, klar, und jetzt halt die Klappe)? Authentizität ist die Devise. Die Auflehnung gegen das Frauenbild der „Frauen“zeitschriften, geschenkt – wir brauchen einen echten Gegenentwurf. Muss ja nicht gleich so hysterisch daherkommen wie in „Schoßgebete“. Aber eines steht fest: Durchgeknallt ist das neue Normal. „Frauen – das verrückte Geschlecht“: Erinnert sich wer an die Thesen von Phyllis Chesler? Nein? Egal – wir mit Krankheitsfantasien („die spinnt doch“) marginalisierten und mit der passiv-aggressiven Mutmaßung endloser Muster-Wiederholungs-Schleifen („mach nicht den gleichen Fehler wie ich, Kind“) eingeschüchterten Frauen müssen uns aus der Opferecke heraus bemühen und zu unsere Neurosen stehen. Das kann Roche doch schon richtig gut.

Und hier noch die passende Illustration…

Miss Birdsong: They Wore Their Mother´s Bones Like Scarlet Letters (via flickr), gefunden bei Frank T. Zumbachs Mysterious World



155. Als es für Deutschland noch Hoffnung gab

Wie ehrlich können Memoiren sein? Gerade habe ich welche gelesen, die mir zumindest die 1960er-Jahre ff. und den Deutschen Herbst erklären, eine Zeit, in der ich die entscheidenden Jahre zu jung war, um sie wirklich zu verstehen: Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen. Zwei Schwestern aus der Provinz, die Bob Dylan, den Kommunismus und Rainer Langhans toll und ihrem Weg aus dem miefigen Kassel in die weite Welt fanden – wen soll das interessieren, fragen Sie? Oh, bei den Schwestern handelt es sich um Gisela Getty und Jutta Winkelmann (genau: die Zwillinge, die jetzt, als freundliche ältere Damen, wieder oder immer noch um jenen notorischen Kommunarden kreisen, der kurzfristig zur Ikone der Schuhwerbung auf- und zwischendurch ins Dschungelcamp abgestiegen war). Diese Langhans’sche Kurve scheint mir bezeichnend. Denn wie die Zwillinge sich und ihre Zeit erlebt haben, spricht – vom Co-Autor Jamal Tuschik („Aufbrechende Paare“) einfühlsam in Form gebracht – von der Hoffnung auf ein anderes Deutschland, eine andere Art zu leben, zu lieben und zu arbeiten. Selten habe ich diese Hoffnung so unzynisch, so unverblümt, mit so wenig theoretischem Über- oder Unterbau, so vorpsychologisch, so w e i b l i c h erzählt bekommen. (Jaja, ich höre das Aufheulen meiner feministischen Freundinnen bis hierher.) Und was, bitte, ist aus dieser verträumt antikapitalistischen Blumenkinder-Summer of Love-cum-Frauenbefreiung (vulgo: mehr oder weniger besinnungsloses Herumvögeln) -Hoffnung nun geworden? In der aktuellen ZEIT seufzt Ursula März auf Seite 49 erschöpft: „Lasst mich in Ruhe! – Warum ich die ständigen Debatten über die gesellschaftliche Rolle der Frau nicht länger ertrage“. Vielleicht hatte März ein ähnliches – weibliches – Lebensgefühl vor Augen wie jenes, das die Zwillinge in ihren unverkopften (manche würden sagen: arg naiven) Memoiren in die Gegenwart transportieren, so ehrlich sie’s eben können. Nach dieser Lektüre möchte ich mich sofort dem Vorschlag der Ursula März am Ende ihres ZEIT-Artikels anschließen: „ein Redemoratorium von, sagen wir, zwei Jahren. Mal zwei Jahre lang kein Gerede über Frauenrollen und Frauenleben. Zwei Jahre nichts als Ruhe und zur Ruhe kommen. Der Vorstandsvorsitz der deutschen Bank und die Herausgeberschaft der FAZ laufen uns dabei nicht weg.“ Ach: versuchen wir tasächlich immer noch, Geist und Geld zu küssen? Anscheinend ja, allerdings macht das Leben in Deutschland, so wie es heute ist, (nicht nur) Frauen zu gehetzten, überforderten, aggressiven Wesen, denen nur die milde Reminiszenz des TV-Werbespots eine Ahnung vermittelt vom Sich-treiben-lassen, von der Sehnsucht nach Aufbruch…




129. Wenn die Venusfalle zuschnappt
8. Dezember 2010, 11:03
Einsortiert unter: Deutschland, FrauenFragen, Medien, Neo-Feminismus, Politik | Schlagwörter: , , , , , , ,

Sex? Das ist doch diese mehr oder weniger private Sache zwischen zwei oder mehr Leuten gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts… Mit dieser fröhlichen Gewissheit wuchsen wir Deutschen auf in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Gut, wir hatten von John Profumo gehört, der als britischer Heeresminister nach der Affäre mit Christine Keeler

"Venusfalle Mannequin"

(via)

abdanken musste. Später bekam Bill Clinton ein verschärftes Du!Du! für sein Techtelmechtel mit der Praktikantin Monica Lewinsky. Nun, dachten wir, Politik ist eben ein schmutziges Geschäft. Und alles Private ist sowieso politisch, hehe. Dann schwappte die Fehltritt-Phobie zu uns herüber, die wir immer recht entspannt auf Figuren wie Seehofer geblickt (und auch ertappte Medien-Promis wie diesen ollen Weihnachtsfeier-Beckenbauer nur belächelt) hatten: Im Fall Kachelmann zerstritten sich zwei Journalistinnen, Alice Schwarzer und Gisela Friedrichsen,

über der Frage, ob der promiske Wetterfrosch nun einfach ein prominenter Narziss oder doch ein frauenfeindlicher Verbrecher sei. Und j e t z t macht Schweden mit bei der Hatz auf Julian Assange, der im Umgang mit zwei Damen und der Frage nach Kondomen nicht allzu sorgfältig vorgegangen sein soll – der ehemalige skandinavische Porno-Freihafen strickt heutzutage daraus den Straftatbestand der versuchten Vergewaltigung.

Tritt den keine/r mal einen Schritt zurück und fragt: Wie konnte sich Sexualität so verändern, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer kein bisschen privaten Angelegenheit zwischen zwei oder mehr erpressbaren Parteien wurde? Das ist doch alles höchst eigenartig.



118. Frauen in Deutschland VI. Oder: Wie verlogen soll diese Integrationsdebatte denn noch werden?

Wenn der neue Bunzpräsident mit „Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland” meint: „Jungejunge, sind inzwischen aber viele Türken hier“, hat er ganz recht (auch wenn seine Parteifreunde das jetzt mutwillig und medienwirksam falsch verstehen, nach dem Motto: Soll der Islam jetzt etwa gleichberechtigt hier rumlungern und unsere sagenhaft menschenfreundliche jüdisch-christliche Tradition irgendwie verdrängen, oder wie? Hat Wulff vielleicht etwas verwechselt und meint unsere humanistische Tradition? Ach bitte. Ihr wisst doch genau, dass der Chef sogar die richtig fundamentalistischen Christen gut findet!). Und weil man im Fernsehen oft diese schnippischen, gut ausgebildeten türkischstämmigen Mädels – mit und ohne Kopftuch – sieht, die Anwältin oder Journalistin oder Schauspielerin gelernt haben, denkt der Normalbürger: wie denn, Integration? Geht doch. Ja, ich bin ganz sicher, das wird schon. So in zwei, drei Generationen werden Geschichten wie die von Inci Y., einer Türkin in Deutschland, sich lesen wie eine Gruselstory aus lang vergangenen Zeiten (ungefähr so, wie wenn du einer jungen Frau heute erzählst, dass Oma noch den Opa um seine Unterschrift bitten musste, wenn sie einen Kredit aufnehmen oder sich eine Arbeit suchen wollte. Glaubt dir doch keine mehr). Aber: Was sich in diesen zwei, drei Generationen noch an unguten Auseinandersetzungen zwischen Blödianen abspielen wird, die ihre jeweilige Religion für ihre jeweilige Meinungsbildung instrumentalisieren – das wird nicht so lustig, schätze ich.



104. Ein Herz für Kinder? Hehe.

Wie schon mehrmals erwähnt, lese ich gern (wenn „gern“ wirklich das richtige Wort ist) die Rundbriefe des Dr. Jahnke, der Zahlen so schön aufbereiten kann. Und was er diesmal zur Situation von Alleinerziehenden zusammengestellt hat (Männer und Frauen, aber meistens trifft es die Frauen, ganz unabhängig davon, dass das im Volksmund so genannte “Sorgerecht” jetzt auch Männern leichter zugänglich ist), wirft ein grelles Licht auf die Beteuerungen unserer Politiker, sie würden doch wirklich etwas dafür tun, dass es in Deutschland wieder mehr Kinder gibt. Tja, sieht schlecht aus mit der Produktion neuer Renteneinzahler, Leute. Jede Frau, die halbwegs bei Verstand ist und den prospektiven Kindsvater nicht gerade aus einer Charakterwettbewerbs-Siegergruppe, möglichst Kategorie „Fels in der Brandung“, gewählt hat, liest sich die aktuellen Statistiken durch, überschlägt mal eben ihr persönliches Armutsrisiko – und verzichtet auf Nachwuchs.



97. Deutschland, hör auf Deine alten Säcke!

Nein, nicht auf alle – aber ein paar ältere Herren sind momentan am besten in der Lage, ihr Gespür dafür auszudrücken, dass die Leute eine andere Politik wollen. Joachim Jahnke schreibt im Beitrag “Ich hatte und habe einen Traum” (Nr. 1802 in seinem Infoportal): „Die Gesellschaft scheint mir wieder auf einen Bruchpunkt zuzusegeln“ und plädiert für mehr Bürgerbeteiligung, für ein neues 1968. Und dann gibt es seine Rede:

Gauck (den man durchaus dafür kritisieren kann, dass er den Afghanistan-Einsatz gut fand … ob er das heute noch unterschreiben würde? fefe hält ihn allerdings für strictly NeoCon und einen fleißigen Zuarbeiter der Initiative Neue Marktwirtschaft) ist immerhin ein Beispiel für Odo Marquards These: Ohne Herkunft keine Zukunft. Ich habe den Polit-Sprech der strammen Partei-Babyboomer so satt und höre lieber Leuten zu, die Geschichte erlebt – und möglicherweise sogar daraus gelernt – haben.

Und hier noch eine Anmerkung für die paar Mangelintelligenten, die meine Arbeit gern in so eine “irrationale Feministinnen”-Ecke stellen würden: Ich wünschte, Helmut Schmidt hätte derzeit mehr zu sagen in unserem Land, und Ursula von der Leyen weniger. Bin ich jetzt keine Feministin mehr, sondern gerontophil?




Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 25 other followers