365 x Deutschland


31. Lieblingswörter des Jahres

Im Deutschen gibt es so treffliche Ausdrücke; 2009 mochte ich am meisten: Klimagipfel. Ölpreisbindung (gut, der ist alt, aber ein Klassiker). Schweinegrippe. Selbstmord verüben (v e r ü b t man eigentlich noch etwas anderes, oder ist dieses schöne Wort idiomatisch erstarrt? Wäre schade drum). Finanzkrise. Harzen. Bankenkonsortium. Kanzlerimpfstoff. Bonusheft. Kriegsähnliche Zustände. Abwrackprämie… mir würden noch viele einfallen, aber ich merke, dass ich von der Aufzählung Depressionen bekomme. Deshalb nur noch schnell meine absolute Lieblings-Journalisten-Bullshit-Formulierung der gesamten letzten Dekade, mit der dringenden Bitte an die Kollegen, diese Frage ab 2010 nur noch weiblichen Kunstturnern zu stellen: „Wie schaffen Sie eigentlich den Spagat zwischen Beruf und Familie?“ Schönen Wüstenrot-Tag und Happy New Year, Ihr Dumpfbacken!



30. Von den Franzosen lernen

Im Revolutionen-Anzetteln sind unsere Nachbarn einfach geübter als wir; auch für zivilen Ungehorsam und wirksame Bürgerproteste gibt es bei denen viele schöne Beispiele. Und jetzt stellt sich heraus, dass Frankreich auch im Prozessieren gegen Suchmaschinen-Giganten eine Nummer besser ist. Die deutsche Verwertungsgesellschaft Wort konnte bei dem mysteriösen „Settlement“ mit Google nur einen läppischen Betrag pro Autor (ich habe irgendwas um € 60,- in Erinnerung) herausschlagen und die Option, dass ein Autor verbieten darf, seine Werke einscannen zu lassen, nur: darum muss er sich bitteschön selbst kümmern). Der französische Verleger- und der Schriftstellerverband haben jetzt, wie die SZ vom 19./20. Dezember berichtete, für einen einzelnen Verlag € 300.000,- Schadenersatz erstritten – plus € 10.000,- täglich, bis die Auszüge aus französischen Büchern aus der Google-Datenbank verschwunden sind. Geht doch.



29. Gewalt ist keine Lösung. Oder?
28. Dezember 2009, 20:16
Filed under: Was fehlt uns denn?, Wirtschaft & Wahnsinn | Schlagwörter: , , , ,

So sehr man verstehen kann, wenn jemand aus Gründen der psychischen Hygiene dem Berlusconi mit einem Mailänder Dom en miniature mal ordentlich die Fresse polieren (nachschlagen bei Doktor Vogl warnt) oder dem Papst mit der bloßen Hand eine „saubere Watschn“ geben möchte … handgemein zu werden hat in Deutschland noch nie zu etwas Vernünftigem geführt, und spätestens seit der RAF wissen wir: Sich gewaltsam gegen die Staatsgewalt wehren zu wollen führt nur zu noch stärkerer Bewachung der Machthabenden, zu einem Erwachen des Stammtischs aus bierseliger Dumpfheit (das verortet sich dann gern weit rechts), und zu notdürftig zusammengeschusterten, die Bürgerrechte immer noch gröber beschneidenden („Notstands“)-Gesetzen. Gewalt sei im Übrigen altmodisch, befindet mein Erstleser. Kurioserweise können wir in puncto Modernität hier von den Russen lernen: Als 2007 eine Gruppe von Esten durchsetzte, dass in Tallin ein sowjetisches Kriegerdenkmal abgebaut wurde, rief die russische Minderheit im Lande ein paar begabte Hacker zu Hilfe. Die sorgten dafür, dass in estnischen Banken, Handynetzen und Regierungscomputern ein paar Tage lang überhaupt nichts mehr ging… da kommt man schon ins Grübeln, nicht wahr? Allein die Vorstellung, wie hübsch man mit der gleichen Methode bei unseren Geldinstituten (die schon wieder – mit 0%-Zins-Knete – herummachen, statt mittelständischen Unternehmen Kredite zu geben) mal ordentlich „Robin Hood“ spielen könnte! Ach komm, träumen darf man.



28. X-Mas Aggro

Der deutsche Advent, die „staade Zeit“, ist mir alle Jahre wieder ein Quell gepflegten Amüsements. Diesmal sitzt also an einem dieser hektischen Tage in der S-Bahn Richtung Stadtmitte unser Nachbar Martin, ein australischer Opernsänger. Er will, das macht er mit allen ihm zur Verfügung stehenden körpersprachlichen Mitteln deutlich, einfach da sitzen, sein Buch lesen und seine Ruhe haben. Ich tue so, als hätte ich ihn nicht bemerkt, und nehme zwei Reihen weiter Platz, denn manchmal, das verstehe ich nur zu gut, ist man noch nicht mal in der Stimmung, „Guten Tag“ zu sagen. Hilft aber nichts. An der nächsten Haltestelle steigt ein Mann ein, sieht Martin, stürzt auf ihn zu und leitet ein langes, langweiliges und lautes Gespräch ein mit der Frage: „Was singst’n du? ’n Jesus?“ Aus ist’s mit der ruhigen Fahrt. Und meinem Erstleser wurde am nächsten Abend auf dem vorweihnachtlich zugigen Bahnsteig, wenige Meter vor der gelb umrandeten „Raucherzone“, von einem jüngeren, schlecht gekleideten Menschen die Zigarette aus dem Mund geschnipst mit der Begründung, man befände sich zwar an der „frischen Luft“, jedoch eben auch a u ß e r h a l b der gelb umrandeten „Raucherzone“… ist das nicht unglaublich adventlich? Der Erstleser stellte daraufhin seine Mappe ab, rollte die Schultern unter dem Mantel auf diese männliche Art, die signalisiert, dass es jetzt gleich Action gibt, und machte eine rasche Bewegung auf den militanten Nichtraucher zu, woraufhin dieser, rückwärts gegen die Plakatwand ausweichend, schrie: „Nicht schlagen, nicht schlagen!“ Der Erstleser nannte ihn einen „unverschämten Lümmel“, steckte sich die nächste Kippe ins Gesicht, nahm seine Mappe wieder auf und rauchte in aller Seelenruhe, während die rundherum versammelten Passanten „Oh!“-Münder machten. Wen wundert es da noch, dass sich die X-Mas-Aggro auch in Italien Bahn bricht, wo eine „offensichtlich geistig verwirrte“ Frau vor dem Mitternachtsmesse in Rom dem Papst eine verplätten wollte? Manche halten den Plätzchenback- und Geschenkekauf-Stress eben nicht so gut aus.



27. Urbi et Orbi, und den Menschen ein Wohlgefallen…

Versicherungskonzern-Vorstände, Landesbank-Manager, Impfstoff-Hersteller, Fernsehintrigantenstadel-Darsteller, S-Bahn-Mörder, geschmierte Gerichtsgutachter, korrupte Gemeinderäte, unfähige Gewerkschaftler, gegnerische Anwälte, Arbeits“agentur“-Leiter, Bahnchefs, heuchlerische Pfaffen, Immobilienhaie, allzu kinderliebe Kardinäle, Mietnomaden, Kriegstreiber und andere miese Politiker jeder Couleur – jedem einzelnen von denen würde ich ja zu gern eigenhändig eins auf die Glocke geben, damit er oder sie mal die Engel singen hört. Aber auf schlechtes Karma hat doch keiner Lust, also wünsche ich lieber auch ihnen „ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!“ (Das müssen Sie sich jetzt in so einem schleimigen, bisschen zittrigen Altmänner-Singsang vorstellen, wie ihn Päpste gern für ihren Weihnachts-Segen einsetzen – haut immer rein am Jingle Bells-Tag!) Und weil das Kurien-Kabarett „Ipsissimus und die Schwestern Urbi und Orbi“ wahrscheinlich eh wieder nur was für „Rechtgläubige“ ist, füge ich für den Rest von uns hinzu: Mögen alle Menschen frei sein von Leid und von der Ursache für Leid.



26. Schalt dein Radio ein
24. Dezember 2009, 11:36
Filed under: Deutschland, Radio, Wo bleibt das Positive? | Schlagwörter: , , ,

Doch, deutsches Radio kann richtig gut sein. Es gibt da ein paar Sendungen auf Bayern 2 – Michael Skasas Kuriositäten-Kabinett „Sonntagsbeilage“ etwa oder das „Kulturjournal“, von dem ich jetzt willkürlich eins herausgreife: Am 6. Dezember 2009 kriegte Ulrich Chaussy es gebacken, die Problematik des U-Bahn-Fahrens zu beleuchten, Ladurners Solferino-Buch ganz zwanglos mit der aktuellen Afghanistan-Action in Verbindung zu bringen und nebenbei noch die neue Tom Waits vorzustellen. Das waren kurzweilige und informative eineinhalb Stunden auditive Unterhaltung. Zugegeben, ich sehe schlecht und bin nicht mehr ganz jung. Aber solche Programmformate müssten außer Blinden und Senioren (beim Fußball spielen Leute über 30 bei den „Senioren“, bittschön) auch noch vielen anderen Menschen taugen, die einem inhaltsreichen und/oder meinungsstarken gesprochenen Text länger als 1′ 30“ folgen können, konzentrations-technisch. Diese Botschaft geht an alle Formen intelligenten Lebens und speziell an Kai „Die Stimme“ Taschner: Sonntag ab 17 Uhr Radio BR 2 hören. Lohnt sich meistens.



25. Die Macht der Dinge

    In der letzten oder vorletzten Psychologie heute stand ein Artikel darüber, wie Sachen ihre Besitzer „konstituieren“, und wie Dinge von vielen Menschen als Bestandteil der eigenen Person angesehen werden; das würde einem allerdings oft erst so richtig bewusst, wenn man bestohlen wird. Oder wenn man als alter Mensch in die Senioren-Residenz (Ah! Deutsche Euphemismen: unübertroffen!) eincheckt. Ein Bett, ein Tisch, ein Sessel, die Glotze, das eine oder andere Buch, bisschen Nippes, paar Familienfotos. Zeug, an dem man hängt, weil es einen an etwas erinnert: An sich selbst… Ich komme drauf, weil ich gerade einem Freund beim Umzug helfe – der Mann hat Tausende von Büchern, davon allein 100 Kochbücher! Wieder zuhause, schaue ich mich in meinem Arbeitszimmer um und stelle fest, dass ich auch so grässlich viel Geraffel habe, von dem ich bitteschön nicht „konstituiert“ werden möchte. Und da fällt mir David Bruno mit seiner „100 Things Challenge“  ein – der Typ versucht, mit „nur“ hundert Sachen auszukommen. In USA und Deutschland ein interessantes Experiment – in anderen Breiten wären eine Menge Leute froh, mehr als ein Essgeschirr und etwas zum Anziehen ihr Eigen zu nennen. Wir mit unserem Besitz-Fimmel, wir brauchen doch ehrlich alle eine Therapie.



%d Bloggern gefällt das: