365 x Deutschland


28. X-Mas Aggro

Der deutsche Advent, die „staade Zeit“, ist mir alle Jahre wieder ein Quell gepflegten Amüsements. Diesmal sitzt also an einem dieser hektischen Tage in der S-Bahn Richtung Stadtmitte unser Nachbar Martin, ein australischer Opernsänger. Er will, das macht er mit allen ihm zur Verfügung stehenden körpersprachlichen Mitteln deutlich, einfach da sitzen, sein Buch lesen und seine Ruhe haben. Ich tue so, als hätte ich ihn nicht bemerkt, und nehme zwei Reihen weiter Platz, denn manchmal, das verstehe ich nur zu gut, ist man noch nicht mal in der Stimmung, „Guten Tag“ zu sagen. Hilft aber nichts. An der nächsten Haltestelle steigt ein Mann ein, sieht Martin, stürzt auf ihn zu und leitet ein langes, langweiliges und lautes Gespräch ein mit der Frage: „Was singst’n du? ’n Jesus?“ Aus ist’s mit der ruhigen Fahrt. Und meinem Erstleser wurde am nächsten Abend auf dem vorweihnachtlich zugigen Bahnsteig, wenige Meter vor der gelb umrandeten „Raucherzone“, von einem jüngeren, schlecht gekleideten Menschen die Zigarette aus dem Mund geschnipst mit der Begründung, man befände sich zwar an der „frischen Luft“, jedoch eben auch a u ß e r h a l b der gelb umrandeten „Raucherzone“… ist das nicht unglaublich adventlich? Der Erstleser stellte daraufhin seine Mappe ab, rollte die Schultern unter dem Mantel auf diese männliche Art, die signalisiert, dass es jetzt gleich Action gibt, und machte eine rasche Bewegung auf den militanten Nichtraucher zu, woraufhin dieser, rückwärts gegen die Plakatwand ausweichend, schrie: „Nicht schlagen, nicht schlagen!“ Der Erstleser nannte ihn einen „unverschämten Lümmel“, steckte sich die nächste Kippe ins Gesicht, nahm seine Mappe wieder auf und rauchte in aller Seelenruhe, während die rundherum versammelten Passanten „Oh!“-Münder machten. Wen wundert es da noch, dass sich die X-Mas-Aggro auch in Italien Bahn bricht, wo eine „offensichtlich geistig verwirrte“ Frau vor dem Mitternachtsmesse in Rom dem Papst eine verplätten wollte? Manche halten den Plätzchenback- und Geschenkekauf-Stress eben nicht so gut aus.

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