365 x Deutschland


46. German angst

Warum strahlen eigentlich nur wenige meiner deutschen Freunde, Kollegen, Klienten so etwas wie Lebensfreude aus? Die Angestellten unter uns hassen ihre Jobs und/oder haben Angst, sie zu verlieren. Die Freiberufler haben Jobs, die sie lieben und/oder verdienen gut, sehen allerdings stets hinter der nächsten Ecke das Prekariat und/oder die Altersarmut lauern. Glück, oder auch „nur“ Zufriedenheit, hat in Deutschland vor allem mit Beruf und/oder Sicherheit zu tun. Da kann uns die Glücksforschung noch so oft erzählen, dass Menschen in Bangladesh mehr Spaß haben – wenn die Grundbedürfnisse „Essen, Sex, Dach über dem Kopf“ erfüllt sind, erklimmen wir nun einmal die nächste Ebene der Maslowschen Pyramide und schauen uns nach Dingen um wie Zuversicht, Kultur, befriedigende Beziehungen und solchem Luxuskram … Der polnische Soziologe Zygmunt Bauman klärt uns in seinem Buch Wir Lebenskünstler (Suhrkamp)  von der Höhe seiner 85 Jahre aus darüber auf, dass wir unser Leben zu einem Kunstwerk machen müssen. Werden nicht alle von uns schaffen. Deshalb komme ich immer wieder auf das Bedingungslose Grundeinkommen zurück: Nehmt den Leuten die Angst, und ihr bekommt Bürger, die etwas lockerer drauf sind. Die würden vielleicht, sobald sie nicht mehr den Blick starr auf Sicherung der Existenz gerichtet haben, den Kopf heben, sich umschauen und überlegen, was sie tun könnten mit ihrem Leben. Vielleicht etwas, das ihnen Freude macht? Etwas, das anderen nützt? Oder einfach nur Geld verdienen (so ein Ferrari kostet eine Kleinigkeit) – oder am Ende gar nichts (solche gibt’s auch – und zwar jetzt schon, also: Wo ist das Problem?). Dass Wirtschaftswachstum nicht die Lösung ist, hat inzwischen der letzte Depp kapiert. Und dass es bei uns leider nicht so funktionieren würde wie in Bhutan, wo der Herrscher sich um das Bruttosozialglück seiner Untertanen kümmert statt ums Bruttosozialprodukt, ist schon auch klar. Aber dass wir immer wieder Politiker wählen, die sich so gar nicht darum kümmern, was die Leute möchten und/oder brauchen, finde ich langsam ärgerlich.

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45. Bedingungsloses Grundeinkommen, schon wieder

Entschuldigung? Hallo, Sie! Ja, Sie mit dem Taschenrechner! Würden Sie mir mal rasch etwas erklären? Sehr schön. Also, wieso können wir uns Figuren wie Merkel und Wester…dings leisten oder die Ulla Schmidt (wer darf jetzt eigentlich in diesem Dienstwagen fahren?) und unverschämte Krankenkassen-Vereinigungen und ALG I und ALG II, und für die Banken sind auch noch ein paar Milliarden da – und ein bedingungsloses Grundeinkommen können wir uns nicht leisten? Ist doch eigenartig. Da müssen Sie etwas länger rechnen, sagen Sie? Dazu bräuchten Sie kybernetische Modelle, wie Frederik Vester sie entwickelt hat, und überhaupt finden Sie, das geht Ihnen zu sehr in Richtung Sozialismus… hören Sie, ich will jetzt keine Theorien diskutieren. Ich möchte im Moment lediglich, dass ausgerechnet wird, ob so ein Modell überhaupt zu bezahlen wäre. Dann reden wir weiter. In Ordnung?

Sehen Sie dazu auch Eintrag Nr. 12



44. Wer sind hier die Dummen?
27. Januar 2010, 10:10
Filed under: Deutschland, Ein ganzes Land braucht Therapie, Politik | Schlagwörter: , ,

Peter Nowak berichtet in Telepolis über die Forderung des AK Vorrat nach einer wissenschaftlichen Studie über die Veränderung unserer Kommunikations-Gewohnheiten durch die Vorratsdatenspeicherung (siehe auch Eintrag 33). Dass die Bildungsbürger Deutschlands immer noch nicht paranoid genug sind, zeigt, wir erinnern uns, die repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa unter 1.002 Bundesbürgern vom 27./28. Mai 2008: „Sieben von zehn Befragten war bekannt, dass seit Beginn des Jahres 2008 alle Verbindungsdaten jedes Bürgers in Deutschland sechs Monate lang gespeichert werden müssen (731 der Befragten). Die Mehrheit der Befragten würde wegen der Vorratsdatenspeicherung davon absehen, per Telefon, E-Mail oder Handy Kontakt zu einer Eheberatungsstelle, einem Psychotherapeuten oder einer Drogenberatungsstelle aufzunehmen, wenn sie deren Rat benötigten (517 der Befragten). Hochgerechnet entspricht dies über 43 Mio. Deutschen.Jede dreizehnte Person hat wegen der Verbindungsdatenspeicherung bereits mindestens einmal darauf verzichtet, Telefon, Handy oder E-Mail zu benutzen (79 der Befragten). Hochgerechnet entspricht dies 6,5 Mio. Deutschen. Jede sechzehnte Person hat den Eindruck, dass andere Menschen seit Beginn der Vorratsdatenspeicherung seltener per Telefon, Handy oder E-Mail Kontakt mit ihr aufnehmen (62 der Befragten). Hochgerechnet entspricht dies 5 Mio. Deutschen. Besonders stark ist die Veränderung des Kommunikationsverhaltens unter Menschen mit geringem Bildungsniveau (Haupt- oder Grundschulabschluss).“ Uns anderen kann ja nichts passieren, oder? Immerhin: „Nahezu jeder zweite Bundesbürger sieht in der Vorratsdatenspeicherung einen unverhältnismäßigen und unnötigen Eingriff in seine Freiheitsrechte (465 der Befragten).“



43. Das Lachen Haitis

Radio hören ist so nützlich! Gerade denke ich über die mangelnde Lebensfreude der Deutschen nach, da kommen im Kulturjournal auf B 2 Ausschnitte aus einem Interview mit Georges Anglade, in dem er erklärt, warum die Haitaner so viel lachen, obwohl sie doch seit ein paar hundert Jahren eigentlich nichts zu lachen haben. (Der Beitrag von Hendrik Heinze ist noch nicht online, deshalb hier eine SWR2-Buchkritik). Der Autor der Kurzgeschichten „Das Lachen Haitis“ soll unter den 150 000 Opfern des Erdbebens von Port-au-Prince sein, und sein anderes auf Deutsch erhältliches Buch, eine Satire mit dem Titel „Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?“ (ebenfalls Litradukt, dt. von Peter Trier), wird derzeit auf eine grausige und völlig verrückte Weise wahr. Anglades Idee: Den von Armut und korrupten Herrschern geplagten Menschen auf dieser schönen Insel geht es so mies, dass sie es in einem von den USA besiegten und anschließend besetzten Haiti besser hätten – schon wegen all der NGOs, die dann Schulen und Krankenhäuser bauen würden… wenn Anglade nicht schon tot wäre, würde er sich jetzt tot lachen.



42. Volkskrankheit Depression II

Bei fefe (danke, Dr. Glunk!) steht unter Mon Jan 18 2010: „Ich werde gelegentlich gefragt, warum es so wenige weibliche A-List-Blogger gibt, und meine Theorie ist, dass die Frauen einfach weniger Wert auf Selbstdarstellung legen. Dieser Rant geht noch ein Stück weiter. Er sagt, dass Frauen zu wenig Arschloch sind, um sich in Positionen reinzulügen.“ Ich habe eine andere Theorie: Die meisten Frauen, die ich kenne, haben ein Leben. Und weder Zeit noch Lust, stundenlang sich selbst und/oder die Welt zu betrachten. Oder sie sind, wie ich, nicht gut genug organsiert – an vielen Tagen fehlen mir deshalb sogar die scheinbar lächerlichen 6 Minuten, die ich mir vorgenommen habe, um über mein Land nachzudenken. Marion bringt die dritte Theorie ins Spiel: Weiblicher Narzißmus äußere sich, anders als männlicher, nicht in Grandiosität, sondern eher in Depression – sie bezieht sich da u. a. auf Bärbel Wardetzkis Buch „Weiblicher Narzißmus – Der Hunger nach Anerkennung“ (Kösel), das sie mir gleich geliehen hat, danke schön. Dass es durchaus männliche Blogger mit Hang zur Depression gibt, entnehme ich Ralf Schwartzs  Lesetipp: Vielleicht fehlt dem ganzen Land tatsächlich gerade die Lebensfreude. Wenn ich dann noch erfahre, dass die wunderbare Selbstdenkerin Katharina Rutschky („Der Stadthund“, Rowohlt) gestorben ist, werd ich auch ganz melancholisch. Aber das ist sicher nur der Winter in Deutschland.



41. Copenhangover, oder: Noch mehr Glaubenskriege

Nachtrag zum Eintrag Nr. 21: Jemand gab bei einer Suchmaschine die Frage „Sind Klima-Skeptiker rechts?“ ein, und das Netz in seiner unendlichen Weisheit spuckte unter den vielen tausend Stellen, die das Stichwort „Klima-Skeptiker“ enthalten, eben diesen Eintrag Nr. 21 (siehe weiter unten) aus. Abgesehen davon, dass Verallgemeinerungen wie „Männer sind doof“ oder „Frauen sind die besseren Menschen“ zu Konfrontation statt zu Kommunikation führen (ich wähle mit Bedacht ein einfaches Beispiel, das auch unser Fragesteller versteht): Ein Skeptiker ist zunächst einmal jemand, der nicht alles glaubt, was ihm ein Nachbar, ein Bundestags-Abgeordneter, ein religiöses Oberhaupt oder eine Zeitung erzählen. Ein „Klima-Skeptiker“ könnte ein Wissenschaftler sein oder ein kompletter Ignorant, ein Lobbyist oder der Anhänger einer bestimmten politischen Richtung. Oder jemand, den es irritiert, dass die Sache mit dem Klima mittlerweile pseudo-religiöse Züge annimmt. Wenn der Sprecher dieses „Kulturzeit“-Beitrags seiner Stimme nicht so einen dämlich süffisanten Unterton gegeben hätte, könnte ich ihn guten Gewissens als Illustration dieser Beobachtung empfehlen. Obwohl hier dem bösen Buben Norbert Bolz („Das konsumistische Manifest“, Fink) ein bisschen viel Sendeplatz eingeräumt wird. Richtig, der Medienprofessor gilt als Zyniker und Provokateur. Aber gar keine Denkanstöße zu geben, um bloß nicht von einer zu Hysterie neigenden Öffentlichkeit abgestempelt zu werden – das geht ja auch nicht.

Ein Beispiel dafür, wie wenig die Frage nach „links“ oder „rechts“ zur Lösung von Interessenkonflikten beiträgt: Ein paar Wochen nach Winnenden wurde bekannt, dass der SPD-Bürgermeister einer bayrischen Gemeinde im Prinzip nichts dagegen hat, wenn in den Keller der neu zu errichtenden Schule gleich noch die Schießanlage des örtlichen Schützenvereins (dem man, wir sind in Bayern, CSU-Nähe unterstellen kann) mit reingeplant wird. Hallo? Da kommt man mit parteipolitischen Schubladen nicht wirklich weiter. Wie viel schwieriger mag es dann erst sein, Kategorien wie „Vernunft“ oder „Weitsicht“ oder „Angemessenheit“ einzuführen in einen so komplexen Diskurs wie den über die notwendige Abwägung zwischen Klimaschutz und wirtschaftlichen Vorteilen, internationalen Verflechtungen und wissenschaftlichen Eifersüchteleien?

Sinnvoller als die Frage nach dem Parteibuch wäre, wie so oft, das Sammeln von Informationen und eigenes Nachdenken. Das Netz kann beim Recherchieren von Fakten behilflich sein – bedenken Sie dabei bitte stets, dass die Trefferquote ziemlich genau der des Publikums-Jokers entspricht. Als Orakel hingegen würde ich das I Ging empfehlen.




40. EURE GUNST UNSER STREBEN
19. Januar 2010, 18:50
Filed under: Deutschland, Werbung | Schlagwörter: , ,

Mit diesem genialen – und universell anwendbaren – Slogan wirbt der „Circus Krone“ auf Plakatwänden für seine drei Winterprogramme. Selbst wenn einer Clowns und dressierten Tieren, schwitzenden Trapezakrobaten und Jongleuren mit angestrengtem Lächeln nichts abgewinnen kann: Dieses redliche Ringen um die „Gunst“ (was für ein schönes deutsches Wort! Wird leider fast nur noch in der möchtegern-ironischen Kombiform „Gunstgewerbe“ verwendet) des werten Publikums ist so rührend retro, dass man richtig nostalgisch werden könnte in Zeiten des „Social Marketing“. Bei dieser modischen Neuauflage der guten alten Mund-Propaganda könnte ich mir als Zirkusdirektor mal rasch ein paar Hundert getürkte Follower bei Twitter generieren lassen (die geben dann zufriedene Zirkusbesucher) – und müsste mich nicht einmal schämen, wenn man mir draufkäme, denn Hauptsache, einer beschreitet „neue Wege“ in der Werbung, gell. Wobei die SZ mit gekauften Bloggerstimmen für ihre App gerade ein bissl auf den Bauch gefallen ist (hier erfahren Sie alles über dieses Entrüstungs-Stürmchen im Öffentlichkeitsarbeiter-Wassergläschen). App, App & Away… an manchen Tagen nervt die eigene Branche einfach tierisch.




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