365 x Deutschland


34. Im Trend: Freundlich keulen. Oder: Seid lieb zu Tieren. Auch wenn Ihr sie nachher verspeist.

Ein angesagter Bar/Café/Restaurant-Hybrid in München. Meine Freundinnen lesen mir die Speisekarte vor; weil ich meine Brille vergessen habe, kann ich nur die groß gedruckte Überschrift „Mitgefühl“ auf der ersten Seite entziffern. „Hä?“, frage ich, darauf deutend. Franka überfliegt den Text rasch und erklärt, dass dieser Laden anscheinend Wert darauf legt, nur biologisch korrektes Fleisch von liebevoll um die Ecke gebrachtem Viechern für seine Gerichte auf den Tisch zu bringen. Ach so, sage ich und bestelle Pute, hoffentlich ohne Hormone. Später an diesem Abend sehe ich dann auf arte eine Dokumentation darüber, wie Monsanto Tiere und Menschen in Südamerika krank macht, um das Sojazeugs herzustellen, mit dem unsere ökologisch unbenklichen Fleischlieferanten gefüttert werden. „Es gibt eben kein wahres Leben im falschen“, denke ich. Und mir fällt wieder dieses Brecht-Gedicht ein:

O FALLADAH, DIE DU HANGEST!

Ich zog meine Fuhre trotz meiner Schwäche

Ich kam bis zur Frankfurter Allee.

Dort denke ich noch: O je!

Diese Schwächer! Wenn ich mich gehenlasse

Kann’s mir passieren, daß ich zusammenbreche.

Zehn Minuten später lagen nur noch meine Knochen auf der Straße.

Kaum war ich nämlich zusammengebrochen

(Der Kutscher lief zum Telefon)

Da stürzten sich aus den Häusern schon

Hungrige Menschen, um ein Pfund Fleisch zu erben

Rissen mit Messern mir das Fleisch von den Knochen

Und ich lebte überhaupt noch und war gar nicht fertig mit dem Sterben.

Aber die kannte ich doch von früher, die Leute!

Die brachten mir Säcke gegen die Fliegen doch

Schenkten mir altes Brot und ermahnten noch

Meinen Kutscher, sanft mit mir umzugehen.

Einst so freundlich und mir so feindlich heute!

Plötzlich waren sie wie ausgewechselt! Ach, was war mit ihnen geschehen?

Da fragte ich mich: was für eine Kälte

Muß über die Leute gekommen sein!

Wer schlägt da so auf sie ein

Daß sie jetzt so durch und durch erkaltet?

So helfet ihnen doch! Und tut es in Bälde!

Sonst passiert euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!

Lesen Sie dazu der aktuellen GAZETTE den Artikel von Bernhard Kathan: Der Weg allen Fleisches.

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