365 x Deutschland


62. Frauen in Deutschland
25. Februar 2010, 10:11
Filed under: Deutschland, FrauenFragen, Was fehlt uns denn? | Schlagwörter: , ,

Dieses winzige Zögern der jungen Mutter, nach dem Namen ihres Fünfmonatigen gefragt: Wie ihre Augen im erschöpften Gesicht kurz zur Seite gleiten … „Vinzent!“, fällt es ihr ein, als müsste sie noch üben. (Wie eine Braut ihre neue Unterschrift übt.) An diesem Tag zitiert das örtliche Boulevardblatt eine Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts, nach der der Frauenanteil in deutschen Gefängnissen Ende 2009 bei nur 5,3 % lag. Wundert mich nicht – Frauen sind entweder zu beschäftigt, um Verbrechen zu begehen, oder einfach zu müde. Und viele tragen ihr Gefängnis sowieso mit sich herum. Die muss niemand einsperren. Der Rest säuft sich zu, stellt so Sachen an wie eine-rote-Ampel-Überfahren, nachts, auf einer menschenleeren Straße, und muss dann vom mühsam erarbeiteten Amt zurücktreten. Hey, ein Mann wurde in Bayern nach so einem Vorfall (der viel schlimmer ausging) noch Verkehrsminister.

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61. Aktueller Kommentar zu Schwarz-Gelb, Hartz IV und dem ganzen Kram
24. Februar 2010, 14:55
Filed under: Bücher, Deutschland, Wirtschaft & Wahnsinn | Schlagwörter: , ,

Um Marx zu verstehen und zu verstehen, warum er unrecht hat, muss man `Die deutsche Ideologie´ lesen. Das Werk ist ein anthropologischer Sockel, auf dem später alle Ermahnungen an eine neue Welt aufgebaut wurden und auf den eine entscheidende Gewissheit geschraubt ist: Die Menschen, die sich vor lauter Begehren verlieren, täten gut daran, sich an ihre Bedürfnisse zu halten. In einer Welt, in der die Hybris der Begehrlichkeit geknebelt wird, kann eine neue gesellschaftliche Organisation entstehen, reingewaschen von den Kämpfen, den Unterdrückungen und den verderblichen Hierarchien.`Wer Begehrlichkeit sät, erntet Unterdrückung´, bin ich ganz nahe daran zu murmeln, als hörte mir nur meine Katze zu.“

(Aus: Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels, dt. von Gabriela Zehnder, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2008)



60. Wir waren’s nicht
23. Februar 2010, 10:01
Filed under: Bücher, Deutschland | Schlagwörter: , , , ,

„Hitler war’s“. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit“ ist der Titel eines Buchs von Hannes Heer (Aufbau, 2005), das man gerade jetzt wieder aus dem Bücherschrank ziehen sollte, in einer Zeit, in der wir „Volkes Stimme“ durch den Mund des Guido Wester…dings vernehmen: Sollen doch Schnee schippen, die Arbeitslosen! Bisschen ungeschickt formuliert, wie? Keine Bange, ich vergleiche Herrn W. nicht mit Hitler; Nazi-Metaphern haben die vertrackte Tendenz, auf allen vier Beinen zu hinken. Ich frage mich nur: Sollten wir in Deutschland nicht vorsichtig sein mit allem, was nach „Arbeitsdienst“ klingt? Hat der Mann nichts aus der Vergangenheit gelernt? Oder, viel schlimmerer Verdacht: H a t er aus der Vergangenheit gelernt – wie man nämlich Stimmen fängt mit populistischer Stimmungsmache? Die letzten von Hitlers willigen Vollstreckern (Daniel Jonah Goldhagen, Goldmann) sind jetzt entweder so alt, dass man ihre sentimentalen Erinnerungen und/oder ihr warnendes „Wehret den Anfängen“ abtun könnte als dementielle Verwirrung. Oder sie sind tot und ihre Erfahrungen vergessen, im besten Fall verstaubt zwischen Buchdeckeln. Und am Geschichtsbild wird bereits wieder ordentlich rumgeschönt (Hitler war ein Mensch, kein Dämon, und Eva Braun war irgendwie total mit schuld… schlag nach bei Doktor Vogl warnt) nach dem Motto: Waren doch nicht a l l e schlecht damals. Wer mit wachen alten Menschen lebt, hört manchmal: Ihr tut doch auch nichts, zum Beispiel gegen die Bankenallmacht, die Umweltsünder, die Google-Frechheiten! Hm. Werden wir unseren Enkeln auch mal verklickern müssen: Wir waren’s nicht?



59. Neue Männer? Lasst stecken…

In Deutschland ist eine gefährliche gesellschaftliche Entwicklung zu beklagen: Jungs sind zurückgeblieben und neigen zu Gewalttätigkeit. Ist das wahr. Darauf wären wir von allein nie gekommen, aber zum Glück fanden wir die Ankündigung für diesen Kongress an der Heinrich-Heine-Universität zu Düsseldorf: Neue Männer – muss das sein? „Zertifiziert durch die Ärztekammer Nordrhein mit 13 Punkten“, steht auf dem Tagungs-Flyer; das Rheinland hat also auch in der Fastenzeit etwas Amusement zu bieten… Nein, niemand darf sich lustig machen über den männlichen Nachwuchs, denn der hat es richtig schwer: Bereits im Kindergarten werden Buben von Erzieherinnen mehr geschurigelt – Mädchen können sich schon in der Vorschulzeit geschickter anpassen, kapieren schneller, was von ihnen erwartet wird, kommen mit Enttäuschungen besser zurecht. Kein Wunder, dass sie inzwischen 55 % der Abiturienten stellen und später leichter an Jobs kommen.

Auf dem Männerkongress spricht u. a.Professor Dr. Gerhard Amendt; das ist der mit dem Vorschlag, die Frauenhäuser abzuschaffen, die seien schließlich ein „Hort des Männerhasses“. (In Frauenhäuser flüchten – für alle, die es noch nicht mitgekommen haben – Frauen, die von ihren eigenen Männern so brutal misshandelt werden, dass sie keinen anderen Ausweg mehr wissen). Sein Vortrag handelt vom „verlassenen Mann“. Das mit dem Verlassen versteht auf Anhieb jede, die sich einmal durch Amendts Aufsatz „Die Opferverliebtheit des Feminismus oder: Die Sehnsucht nach traditioneller Männlichkeit. Die Zukunft der Männer jenseits der Selbstinstrumentalisierung für Frauen“ gequält hat – einen derartig schrägen rant („Verdammungsfeminsimus“, Jungejunge) muss man lange suchen… Nach der Pause ist dann Professor Walter Hollstein dran, zum Thema „Der entwertete Mann“. Dieser Professor hat zuletzt 2008 beim Aufbau-Verlag ein Buch veröffentlicht mit dem wirklich poetischen Titel „Was vom Manne übrigblieb“. Auch schön: „Potent werden. Das Handbuch für Männer“ (Huber, 2001). Handbuch? Es reden noch ein paar andere Professoren auf diesem Kongress, dessen Zielgruppe sich mir nicht auf Anhieb erschließt. Andere frustrierte Professoren? Gender Study-Experten?? Therapeuten??? Das „Tagungssekretariat“ hat, wie sollte es anders sein, eine Frau inne.

Also zurück zu unseren erfolgreichen Abiturientinnen und Job-Bewerberinnen. Irgendwo in ihrer Sozialisation müssen die Männer dann ja ordentlich aufholen, denn zur Professorin oder Vorstandsvorsitzenden bringen es nach wie vor die wenigsten Frauen. Eigenartig, bei all den Diskriminierungen, die unseren männlichen Mitbürgern auf ihrem steinigen Weg zu diesen Posten anscheinend ständig widerfahren. Mag sein, dass das Selbstbild der alten Männer gehörig ins Wackeln gekommen ist seit den bösen 1968er Jahren und dieser Frauenbewegungs-Sache – aber „neue“ Männer sehe ich weit und breit keine. Naja, doch, wenn ich’s mir recht überlege: Sie jammern heutzutage mehr.




58. Banken: Späte Einsicht
18. Februar 2010, 08:59
Filed under: Deutschland, Was fehlt uns denn?, Werbung, Wirtschaft & Wahnsinn | Schlagwörter: , ,

Also sprach Ben Tellings, Chef der Direktbank ING-Diba, der ab 2011 „nur noch“ Aufsichtsratsvorsitzender seines Instituts sein will, im Spiegel (7/2010, S. 73):

Tellings: (…) Die meisten Menschen wollen und brauchen doch auch viel simplere Produkte.

Spiegel: Zum Beispiel?

Tellings: Ein Girokonto, ein Sparbuch und vielleicht noch einen Konsumenten- oder Immobilienkredit. Eigentlich sind wir Banker doch Treuhänder des Vermögens unserer Kunden.“ (Hervorhebungen von mir.)

Echt jetzt? Hab ich irgendwo schon mal gelesen. Ach was, ich hab es selbst geschrieben: im Eintrag Nr. 32. Und ich war nicht 25 Jahre „im Bankgewerbe aktiv“ wie Herr Tellings. Sowas. In Fernsehspots wirbt übrigens eine neue Direktbank (wahrscheinlich eine Tochter eines der üblichen Über-denTisch-Zieher-Institute) jetzt mit genau diesen drei „Produkten“. Wenn ich das schon höre: Produkte. Das muss man den Anzugtypen mal e r k l ä r e n: dass sie nichts herstellen. (Außer wertloses Geld.) Und was wäre denn so ehrenrührig daran, einfach nur Dienstleister zu heißen?



57. Totenglöckchen für einen Beruf?
17. Februar 2010, 09:55
Filed under: Medien, TV, Werbung, Wirtschaft & Wahnsinn | Schlagwörter: , , ,

Da lobe ich 3sat für die nette Idee, eine amerikanische Kultserie ins Programm zu heben, schon macht Kulturzeit wieder alles kaputt und zeigt die dunkle Seite des US-Kapitalismus – in einem Beitrag von Dominique Gradenwitz über das neueste Geschäftsmodell Journalismus „on demand“. Das funktioniert ungefähr so: Jemand hat eine Firma, die Kekse herstellt und bestellt nun bei Demand Media einen Ratgeber-Beitrag zum Thema Kekse. Ein chices kleines Video, hergestellt zu Hungerlöhnen von einem Kameramann, einem „Redakteur“ und einer Art Schlussredakteur (heißt hier „Faktenprüfer“ und bekommt einen Dollar pro Beitrag) wird ins Internet gestellt. Billige Werbung. Aber wieso nennen die das „Journalismus“? Und: Ist das auch in Deutschland die Zukunft dieses Berufsstandes? Weil doch alles über den Teich zu uns schwappt, vom Diät- bis zum Sicherheitswahn? Jetzt aber mal halblang. Solange man sich hierzulande noch über gekaufte Blogger-Produktbewertungen aufregt und ein Advertorial von einem redaktionellen Beitrag unterscheiden kann, ist unsere Welt doch in Ordnung. Oder?



56. Geht doch!

Wir lieben Kulturzeit und Scobel, na klar. Aber so richtig amüsiert hat man sich lange nicht mehr auf 3sat. Jetzt kommt die gute Nachricht: Der Sender bringt die erste Staffel der HBO-Serie „In Treatment“.

Gabriel Byrne ist „Der Therapeut“. Deutsche Trailer und ein noch recht rudimentäres Blog gibts hier. Vor ein paar Jahren schlug ich einem deutschen TV-Produzenten eine ähnliche Sache vor. Vielleicht war das Exposé nicht gut genug geschrieben, aber der Titel ist genial – und gehört mir immer noch! Nur falls jetzt jemand auf Ideen kommt:  „50 Minuten“ (so lange dauert eine Therapie“stunde“). Nee, sagte der Fernsehmensch, kann man nicht machen. Will keiner sehen. Ach so? Das ist Deutschland: Machen wer nicht. Ham wer noch nie gemacht. Könnte ja jeder kommen…




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