365 x Deutschland


48. Zwei Seelen, ach
3. Februar 2010, 13:49
Filed under: Bücher, Politik, Wirtschaft & Wahnsinn | Schlagwörter: , , , , ,

Ich glaube an das Gute in jedem Menschen“, lässt Reginald Hill einen seiner Protagonisten sinnieren, „auch wenn man bei manchen einen Chirurgen braucht, um es zu finden.“ (A Cure for all Diseases, Harper). Als zum Beispiel dieser Zumwinkel dank Bankdaten aus Luxemburg aufgeflogen war, ist vielleicht im Vorfeld auch nicht alles mit, rechtlich gesehen, „richtigen Dingen“ zugegangen (und die leitende Staatsanwältin wurde hinterher in die Provinz versetzt). Trotzdem freute man sich klammheimlich, dass der Staat diesen Großkotz am Wickel hatte wegen Steuerhinterziehung. Aber. Gerade wir im schönen Deutschland sollten ein bisschen vorsichtig umgehen mit dem Ausdruck „gesundes Volksempfinden“ – genau der fiel interessanterweise gestern in der „Münchner Runde“ in BR3 zum Thema: Soll Merkel die Datei kaufen? Im Verlauf dieser Sendung konnten die Zuschauer voten, und 73 % waren dafür, dass man die (vermutlich illegal erworbenen) Daten von Steuerhinterziehern erwirbt (vermutlich ebenfalls ein Vorgang, den man illegal nennen könnte). Hier verwechselt das „Volk“ Recht und Gerechtigkeit – das liegt nahe, das ist verständlich, nur: der Unterschied zwischen einer Diktatur und einem Rechtsstaat besteht eben darin, dass sich die Staatsmacht nicht über Gesetze erheben darf. Sehr schön herausgearbeitet hat das Alexander Kluge in einem Gespräch mit dem Anwalt Ferdinand von Schirach über sein Buch Verbrechen: Der Enkel des Wiener Gauleiters Balduin von Schirach weiß, dass in unserem Rechtssystem Schuldige manchmal davonkommen, wenn die Beweislage dünn ist; dennoch ist er froh über dieses System. Zu Opas Zeiten konnte die Staatsmacht enteignen, vertreiben, töten; damals waren viele froh, sich (und im Zweifelsfall ihr Vermögen) in die Schweiz zu retten. (Viel Geld liegt heute noch auf „nachrichtenlosen Konten“ in Schweizer Banken. Na gut, in Schweizer Schränken stehen auch viele Gewehre; die sind schon anders, die Eidgenossen, nicht nur, was Minarette betrifft). Heute muss die Staatsmacht zäh verhandeln mit den Schweizern, um im Zuge der Rechtshilfe Informationen über Steuerhinterziehungen zu bekommen. Das ist ärgerlich, das ist lästig, nur: das ist das Recht. Verständlicherweise regen wir uns auf über die Ungerechtigkeit, dass Geldsäcke wie Zumwinkel ihre Kohle am Fiskus vorbei über die Grenze schaffen können. Aber das Verfahren ist anhängig, und ich plädiere dafür, das Urteil abzuwarten. Es geht nicht an, dass eine Merkel oder ein Schäuble (das ist übrigens jemand, der sich nicht erinnern kann, wie viel Geld gleich nochmal? in diesem Umschlag – oder war es ein Koffer? Ich erinnere mich nicht, Euer Ehren – steckte, der ihm, von wem gleich nochmal?, als Spende überreicht worden war) das Recht in ihre Hände nehmen. Die nächste Regierung ist vielleicht hinter Ihren oder meinen Daten her. Kann sich das „gesunde Volksempfinden“ nicht so recht vorstellen, hm? Weil w i r schließlich nichts angestellt haben?


Advertisements

1 Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar

wie ich lese, ist es sogar in der Schweiz erlaubt, solche Hinweie zu nutzen: http://www.sueddeutsche.de/politik/825/502064/text/
Ich würde die CD kaufen und alle verknacken. Die Steuerdiebe und den Datendieb. Dann können die Schweizer mit ihrem Bankgeheimnis einpacken und sich mehr aufs Skifahren und Schokoladeherstellen konzentrieren. Hätten wir alle was davon.

Kommentar von Doktor Vogl




Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: