365 x Deutschland


49. Paid content, oder: 100 Tage Schwarz-Gelb

Während die Eidgenossen feinsinnig unterscheiden zwischen „Steuerbetrug“ und „Steuerhinterziehung“, kennt deutsches Steuerrecht das schöne Instrument der Selbstanzeige. Die richtig Paranoiden unter uns mutmaßen nun, dass die ominöse „Daten-CD“ nur erfunden wurde, um etwas nervösere Steuersünder an diese Möglichkeit zu erinnern, einen Teil des illegal Ersparten an die Staatskasse abzudrücken. Andere wiederum halten den pittoresken Streit über die Schweiz und das ewige Schwadronieren über ein notwendiges Austrocknen der Steuer-Oasen für ein hübsches Ablenkungsmanöver (Wag the Dog!), auf das wir alle reingefallen sind. (Na gut, aber es macht einfach total Spaß, der Schweiz einen mitzugeben. Lebt eigentlich Jean Ziegler noch? Den vermisse ich im allgemeinen Meinungsrausch.) So, und jetzt sind wir wieder nüchtern und schauen mal, was unsere Regierung in ihren ersten 100 Tagen so alles verbockt hat – angefangen mit den extremen Patzern bei der Aufklärung des extremen Kundus-Patzers, über den Kopenhagen-Reinfall, für den Merkel auf Steuerzahlerkosten die Umwelt-Federn spreizen durfte (aber daheim: Atomkraft ja bitte, gell?), bis hin zur Hotel-Spenden-Story (Achtung, neues Wort: „Klientel-Politik“). Und dann der letzte Brüller von Wester…dings mit seinem Vorschlag, Taliban zu kaufen – statt sich ernsthaft zu überlegen, was, genau, „unsere Jungs“ im Afghanistan-Krieg zu suchen haben. Diese 100 Tage ergeben insgesamt ein gefühltes „Wir werden aber sowas von verarscht“. Und niemand muss sich wundern, wenn sich jetzt die Rechte sammelt, um in die „Mitte der Gesellschaft“ vorzustoßen. In ihrem Zentralorgan „Junge Freiheit“ vergleicht ein Leserbriefschreiber (am 2. 2. 2010, schauen Sie selbst) Joschka Fischer mit Hitler. Ach du meine Güte, merken die nicht, wie bescheuert ihr Publikum ist? Aber vielleicht verfahren sie nach dem Motto „Dumm wählt gut“. Kuriosität am Rande: Diese Wochenzeitschrift verlangt 3 € 50 für ein PDF der aktuellen Ausgabe – und für die davor auch. Paid content? Netter Versuch. Aber nur Deppen zahlen für eine Zeitung von gestern (in jedem Sinne des Wortes).

Advertisements

Schreibe einen Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: