365 x Deutschland


51. Vertrau mir! Oder: Es geht ein Ruck durch die Bussi-Gesellschaft

Eine Dame ruft an, stellt sich als Mitarbeiterin meiner Bank vor und hat einen neuen Vertriebler-Spruch. Nicht „Schön, dass ich Sie erreiche!“ sagt sie diesmal, sondern „Heute möchte ich Ihnen etwas schenken!“, was ja total süß klingt. Ich (innerlich gröl, schenkelklopf): „Aha?“ Jahaa, sie wolle nämlich meine Kontokosten von monatlich € 5,50 (wusste gar nicht, dass ich die zahle – dachte doch, ich wäre zu dieser Bank gegangen, weil die ein 0 €-Girokonto angeboten hatte) auf € 3,50 reduzieren, ich müsste nur den neuen Vertrag unterschreiben, den sie mir gern zusenden würde. „Das schau ich mir mal an“, sage ich freundlich, „man spart ja, wo man kann“. Paar Tage später kommen die Papiere mit der Post. Was da vor mir liegt, verbrämt mit allerlei unsinnigen Gadgets, die ich allesamt nicht brauche, scheint eine simple Änderungskündigung zu sein. Ohne die genauen Konditionen ist dieser „Vertrag“ eine Ansammlung von Worthülsen, die mir alles Mögliche versprechen… Ich könnte das Kleingedruckte jetzt anfordern und durchackern, habe aber keine Lust dazu, denn ich kann mir auch so vorstellen, dass der neue Vertrag für mich nicht günstiger sein wird als der alte. Wieso sollte er auch. Wir schreiben 2010, Mädchen, möchte ich der Vertriebs-Mitarbeiterin zurufen. Sogar das dämlichste Bankkunden-Pack liest inzwischen Zeitung, und wenn „meine Bank“ mir etwas Gutes tun möchte, könnte sie zum Beispiel damit anfangen, die niedrigen Soll-Zinsen an mich weiterzugeben… Kurz: Wenn ich etwas geschenkt kriegen will, werde ich nicht unbedingt einen Vertrag mit einer Bank unterzeichnen. „Ich habe meiner Bank vertraut“, haben all die Lehman-Omis gejammert, als ihre „todsicheren“ Anlagen futsch waren. Genau wie die Häuslebauer, als das Häusle weg war, weil „ihre“ Bank ihren Kreditvertrag an eine andere Bank verkauft hatte – und die plötzlich die ganze Summe sehen wollte, aber pronto. Tja, die Zeiten, in denen man wenigstens „seiner“ Bank vertrauen konnte, sind irgendwie vorbei. Betrüblich, wenn das „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“-Geschäftsgebaren hier im schönen Deutschland so ubiquitär und normal wird, dass nur die echt Paranoiden nicht ständig Gefahr laufen, über den Tisch gezogen zu werden. Unangenehmes Lebensgefühl. Also zumindest für Kleinvieh wie uns. Millionäre haben selbstverständlich ein anderes Vertrauensverhältnis zu ihrem Geldinstitut. Die Steuerhinterzieher unter ihnen können zum Beispiel eine Liechtensteiner Bank verklagen, die sie nicht rechtzeitig gewarnt hat, dass ihr Name auf einer Steuerflüchtlings-CD auftaucht. Und bekommen Recht, weil: So viel Kundenfreundlichkeit muss schon sein. Aber erstmal geht ein ordentlicher Ruck durch die Bussi-Bussi-Gesellschaft – es hagelt Selbstanzeigen.

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