365 x Deutschland


74. Ausgebrannt?

Wer kann sich das schon leisten: Nicht mehr zu können? Diese Klage angestrengter Männer hatte lange Zeit einen Touch von Angeberei („Ich bin eben unersetzlich“), bis erkannt wurde, dass notorisches Überfordert-Sein tatsächlich oft in eine veritable Krankheit mündet – das sogenannte Burnout-Syndrom. Die mit Haushalt, Job, Kindern und womöglich noch der Pflege alter Eltern gut ausgelastete Kassiererin in Ihrem örtlichen Supermarkt könnte ein Lied davon singen, doch wie’s in den Medien so geht, bekommt das Thema erst dann Schlagzeilen-Qualität, wenn die Lebensgefährtin von Anne Will einen Zusammenbruch erleidet und anschließend ein Buch darüber schreibt: In Brief an mein Leben (Rowohlt) schildert Miriam Meckel, Professorin für Corporate Communication an der Uni St. Gallen, wie ihr, der energischen Mehrleisterin, alles zu viel wurde, wie sie den Faden verlor und plötzlich gar nichts mehr auf die Reihe brachte. Und wie alle Frauen sucht Meckel die Schuld bei sich selbst – in vielen Therapiestunden lernt sie, „besser mit sich selbst umzugehen“. Und es kommt ihr dabei nie in den Sinn, ob nicht vielleicht auch unsere Vorstellungen von Sozialprestige und Konsumentenglück, unsere Arbeitsumgebungen (von menschenverachtenden Großraumbüros über karierreangst-beißende Chefs bis zu existenzangst-mobbenden Kollegen) und die Anforderungen der Gesellschaft an (arbeitende und arbeitslose) Mitbürger mal einer gründlichen Revision unterzogen werden sollten. D a s wären eigentlich Fragen, die ich von denkenden Frauen erwarte. Wir wollen schließlich nicht „Gleichberechtigung“ übersetzen mit „die selben Fehler machen wie die Männer“, als da wären: ständige Erreichbarkeit, selbstverständliche Flexibilität, Vernachlässigung des Privatlebens etc. Immerhin, Meckel hat durch ihre persönliche Krise gelernt, in manchen Zusammenhängen „Nein!“ zu sagen. Wäre doch gelacht, wenn wir anderen das nicht auch hinkriegen würden.

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3 Kommentare so far
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…die Meckel hat gelernt, in der Krise erst recht tough zu sein und ein Buch drüber zu schreiben. Das ist gut protestantische Arbeitsethik. If you fail, try harder. Und jetzt kann sie auch noch „nein“ sagen, wenn ihr mal die richtigen Gedanken kommen. Glaub mir, das Buch ist nur die nächste Umdrehung auf der Selbstperfektionierungsspirale der Frau Meckel, die grade nach ganz oben abhebt. Wünsche frohes Rotieren. Ich bleib lieber unten sitzen. Sonst droht KAROSHI: http://www.tastwest.de/dvw/alt/061202/index.html

Kommentar von Doktor Vogl

Karoshi – d a s ist mal eine hübsche Idee. Haben Sie da eine Quelle?

Kommentar von Eva Herold




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