365 x Deutschland


83. Was ist Normalität?

Ackermanns Traum von Normalität sei es, an einem Samstag in Jeans unrasiert mit einer Zeitung unterm Arm durch eine Stadt zu laufen, sagt sein Sprecher Stefan Baron, früher Chefredakteur der `Wirtschaftswoche´.“ Oh. Was für ein vielschichtig verräterisches Sätzchen, gefunden in einem Spiegel-Artikel von Jan Fleischhauer über Josef Ackermann. Ja, der mit dem Victory-Zeichen, Sie erinnern sich. Normal ist derzeit für ihn, sich einen Ex-Chefredakteur zu kaufen, um den über seine Träume von Normalität reden zu lassen. Könnte er viel einfacher haben, wenn … tja, wenn er halt nicht so „getrieben“ (Fleischhauer) wäre, gell. Von der Jagd nach Geld, neiiin, nicht für sich selbst, bewahre: für die Aktionäre natürlich. Für den ehemaligen Chefredakteur hingegen ist es normal, die Wirtschaftsberichterstattung, die eh nur Hofberichterstattung war, einzutauschen gegen the real thing: E i n e m Herrscher zu dienen. Wundert sich noch wer, warum dieser „Journalismus“ vor der „Finanzkrise“ nichts gebracht hat und uns auch jetzt nicht wirklich informieren wird? (Nicht, dass der sogenannte Bürgerjournalismus da helfen würde, wie Thomas Strobl erläutert – und Sie müssen hier nur die Kommentare zum Begriff „Realität“ lesen, um zu begreifen, warum.) Trotzdem kann mir, anders als Ralf Schwartz, das Netz es nicht ersetzen, gemütlich in einem alten, zerfledderten Spiegel (ich bin in unserem Haushalt der Drittleser, da rentiert sich sogar betahlter Content) zu blättern, so vielschichtig verräterische Sätzchen zu finden und sie genüsslich zu zerpflücken. Slow reading macht in der Online-Ausgabe eines Mainstream-Mediums einfach nicht so viel Spass.

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82. Entschleunigung, oder: Wie der leere Himmel wirkt

Die paar Tage ohne Flugzeuge waren doch ganz interessant. Mal abgesehen von der Stille, die nur langsam ins Bewusstsein drang (Menschen, die in Einflugschneisen wohnen, werden’s schneller gemerkt haben): Plötzlich dauerte ein Polentrip von Deutschland aus für Westerwelle genauso lange wie für die Putzfrau (nur dass er natürlich zur Beerdigung des Kartoffelzwillings den Hubschrauber nahm). Und Berlusconi konnte leider nicht nach Hannover kommen – die Strecke von Rom in den Norden ist aber auch ein Schleif mit Auto oder Bahn, wie jeder Italienurlauber bestätigen wird. Dann das Jammern der „gestrandeten“ Passagiere, für die Reisen auf einmal wieder zu dem anstrengenden Abenteuer wurde, das es früher einmal war, und natürlich der Aufschrei der global vernetzten Wirtschaft: Die Rosen für Mutti verwelken in fernen Lagerhallen, frisches Thai-Basilikum fürs Curry ist nirgends aufzutreiben, Autos können nicht weitergebaut werden, weil die Zulieferer nicht zuliefern können… und mittendrin das händeringende Brüderle, mit seinem Händeringen die Verzahnung all dieser auf präzises Ineinandergreifen angewiesenen Zahnrädchen putzig verdeutlichend. Wir anderen konnten kurz innezuhalten und überlegen, wie viel Mallorca-Urlaube, weitgereiste Muttertagssträuße und exotische Mahlzeiten man tatsächlich braucht, und ob’s manchmal nicht auch das Fahrrad oder Slow Food aus regionalen Ingredienzien täten. So, und dann „normalisiert“ sich wieder alles, und schon finde ich wieder zu wenig Zeit zum Lesen, dabei liegen hier zwei interessante Neuerscheinungen von Rotpunkt aus der Schweiz: Gewinn in alle Ewigkeit – Kapitalismus als Religion von Christoph Fleischmann, einem gelernten Theologen und Journalisten, und Der geplünderte Staat, oder Was gegen den freien Markt spricht von James K. Galbraith, Wirtschaftsprofessor in Texas und Sohn von John Kenneth Galbraith. Schade, denn diese Bücher könnten mir sicher zumindest teilweise erklären, warum es gut ist, dass ich vor lauter Arbeit in und mit dieser „Normalität“ nicht zum Nachdenken komme. Und vor allem, für w e n das gut ist.

Nachtrag: Auch Harald Welzer bedauerte in Kulturzeit, dass so schnell wieder auf „Normalität“ umgestellt werden soll.



81. Kinder, wie die Zeit vergeht
15. April 2010, 14:26
Filed under: Deutschland, Medien, Wirtschaft & Wahnsinn | Schlagwörter: , , , ,

Jetzt hat die Nachricht auch bei der Münchner Abendzeitung eingeschlagen: Joschka Fischer arbeitet für Madeleine Albrights Beraterfirma, die für BMW gutes Wetter machen soll, also „gut“ im Sinn von „grün“. Joschka. Grün. Alles klar? (Dass die Meldung vom letzten September ist, stört in einer Tageszeitung nur bedingt.)



80. Alles nur Theater?
14. April 2010, 09:30
Filed under: Deutschland, Medien, Werbung, Wirtschaft & Wahnsinn | Schlagwörter: , , , ,

An der Volksbühne Berlin gab’s am Wochenende vom 9. – 11. 04. 2010 Theater mal anders: „Attac – Zivilgesellschaftliches Bankentribunal“ hieß das „Stück“, über das ich einen kurzen Schnipsel bei Kulturzeit erhaschte. Eigenartig, dass man vorher nichts davon gehört hatte und auch danach in den etablierten Medien kaum etwas darüber fand . Dabei war’s sicher lustig und informativ, wie dieser „Kurzfilm zur Beweisaufnahme“ zeigt:

Da hat die Pressearbeit wohl wieder nur die üblichen Verdächtigen erreicht. Immerhin, als regelmäßiger Leser der NachDenkSeiten wäre man informiert gewesen. Ich sag’s ungern, aber damit gebe ich heute mal selbst ein hübsches Beispiel ab für journalistische (Denk-)Faulheit in Deutschland.



79. A Propos „Gesundheitswesen“

Nein, wirklich, ich mag Ärzte. Einige meiner besten Freunde sind welche. (Das war gelogen. In unserem Bekanntenkreis findet sich genau einer, aber der ist sehr nett.) Leider haben Mediziner keinen guten Ruf; in der Beliebtheitsskala rangieren sie irgendwo zwischen Bankern und Journalisten, also ziemlich weit unten. Was ein bisschen ungerecht ist, da Krankenkassenvorstände oder Arzneimittelhersteller wahrscheinlich die unangenehmeren Zeitgenossen sind und nebenbei nicht so viele Leben retten (jedoch sicher genauso viele lebensgefährliche Fehlentscheidungen treffen wie ein durchschnittlicher niedergelassener Doktor). Kein Wunder also, dass im schönen Deutschland bald ein eklatanter Mangel an Halbgöttern in Weiß herrschen wird. Der Rösler – seine Klientel nennt ihn den „sanften Rambo“ oder gleich „Kassen-Kennedy – will deshalb den Numerus Clausus abschaffen und Medizinstudenten mit Vergünstigungen ködern, wenn sie hoch und heilig versprechen, nach Abschluss des Studiums als Landarzt zu praktizieren. Zwei im Prinzip völlig richtige Schritte, denn gute Noten in Mathe und Kunst, Sport und Französisch nützen nur bedingt, wenn es darum geht herauszufinden, ob Omi apoplektisch ist oder nur tödlich gelangweilt vom Nachmittagsprogramm. Zudem werden die Leute zwar immer älter, auch in der Pampa, nur Ärzte ziehen keine mehr aufs Land. Ist irgendwie verständlich: Zu all den Verwaltungsschikanen und dem nicht mehr ganz so üppigen Verdienst auch noch Hausbesuche, echt, oder? Wäre schön, wenn wir tatsächlich auf eine neue Generation von Ärzten hoffen dürften, die (außerhalb des Fernsehens) gern Landarzt ist und davon gut leben kann; den Älteren unter uns bliebe ja immer noch das sozialverträgliche Frühableben. Das Problem mit dem Rösler ist nur, dass er a) in der falschen Partei ist und es b) deshalb nicht schaffen wird, dieses Gesundheitsunwesen vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das wird die Pharmalobby – gemeinsam mit ihrer buckligen Schwester, der Kassenmafia – zu verhindern wissen. Übrigens: Rein rechnerisch hat jeder Deutsche, vom Baby bis zum Greis, letztes Jahr 3210,- Euro für Gesundheit ausgegeben, sagt das Statistische Bundesamt. Das ist kurioserweise etwa die Summe, die eine 85-jährige Dame in unserem Bekanntenkreis, die über 400,- Euro Rente im Monat verfügt, ihrem Zahnarzt hinblättern soll. Hat sie doch lässig in acht Monaten abgestottert… vorausgesetzt, sie isst nichts, mit ihren neuen Zähnen.



78. Weltgesundheitstag

Ärzte sind ja solche Spielverderber. Erzählen einem immer, dass man mit zu viel Rauchen / Essen / Trinken aufhören muss, und wenn’s hart auf hart kommt, schicken sie dich zum Fachkollegen, der fragt, warum du denn so viel geraucht / gegessen / getrunken hast, statt Sport zu machen. Sport! Diese Komiker. Unwahrscheinlich komisch sind auch Ärzte, die selber saufen (davon gibt’s mehr, als Sie wissen möchten). Oder selber finden, dass sie lustig sind, und „Comedians“ werden und ihren Patienten alberne Glücksratgeber im Merchandising-Paket mit Stoffpinguinen verschreiben. Lachen ist ja so gesund. A propos: Auch trinken soll man natürlich ganz viel, aber bitte nur Wasser und Früchtetees (igitt). Anscheinend existiert da eine Verschwörung der Frauenzeitschriften und Mineralwasserabfüller im Verband mit Herstellern von Früchtetees bzw. isotonischen Getränken. Oder warum sieht man jetzt überall diese Pipimädchen mit ihren Plastikflaschen herumlaufen? Bei vielen baumeln die Behälter schon griffbereit außen am Rucksack, als wäre Deutschland eine Wüste (was es sicher in Hinsicht auf mancherlei ist, wenn auch nicht gerade auf Wasser) oder das Warten auf die Straßenbahn eine schweißtreibende Angelegenheit. Aber vielleicht haben die alle mit 17 schon Angst vor Hautalterung und Nierensteinen … was für eine grässliche Welt. Aber: Hauptsache gesund, gell?



77. Die sexuelle Revolution ist schuld, sagt Bischof Mixa
1. April 2010, 13:07
Filed under: Deutschland, Ein ganzes Land braucht Therapie | Schlagwörter: , , ,

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Über Frank T. Zumbachs Mysterious World

Nachtrag: Diese recht erhellende Illustration des Themas ist aus irgendeinem Grund von der Bildfläche verschwunden. Macht nix, der Mixa ja auch.




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