365 x Deutschland


82. Entschleunigung, oder: Wie der leere Himmel wirkt

Die paar Tage ohne Flugzeuge waren doch ganz interessant. Mal abgesehen von der Stille, die nur langsam ins Bewusstsein drang (Menschen, die in Einflugschneisen wohnen, werden’s schneller gemerkt haben): Plötzlich dauerte ein Polentrip von Deutschland aus für Westerwelle genauso lange wie für die Putzfrau (nur dass er natürlich zur Beerdigung des Kartoffelzwillings den Hubschrauber nahm). Und Berlusconi konnte leider nicht nach Hannover kommen – die Strecke von Rom in den Norden ist aber auch ein Schleif mit Auto oder Bahn, wie jeder Italienurlauber bestätigen wird. Dann das Jammern der „gestrandeten“ Passagiere, für die Reisen auf einmal wieder zu dem anstrengenden Abenteuer wurde, das es früher einmal war, und natürlich der Aufschrei der global vernetzten Wirtschaft: Die Rosen für Mutti verwelken in fernen Lagerhallen, frisches Thai-Basilikum fürs Curry ist nirgends aufzutreiben, Autos können nicht weitergebaut werden, weil die Zulieferer nicht zuliefern können… und mittendrin das händeringende Brüderle, mit seinem Händeringen die Verzahnung all dieser auf präzises Ineinandergreifen angewiesenen Zahnrädchen putzig verdeutlichend. Wir anderen konnten kurz innezuhalten und überlegen, wie viel Mallorca-Urlaube, weitgereiste Muttertagssträuße und exotische Mahlzeiten man tatsächlich braucht, und ob’s manchmal nicht auch das Fahrrad oder Slow Food aus regionalen Ingredienzien täten. So, und dann „normalisiert“ sich wieder alles, und schon finde ich wieder zu wenig Zeit zum Lesen, dabei liegen hier zwei interessante Neuerscheinungen von Rotpunkt aus der Schweiz: Gewinn in alle Ewigkeit – Kapitalismus als Religion von Christoph Fleischmann, einem gelernten Theologen und Journalisten, und Der geplünderte Staat, oder Was gegen den freien Markt spricht von James K. Galbraith, Wirtschaftsprofessor in Texas und Sohn von John Kenneth Galbraith. Schade, denn diese Bücher könnten mir sicher zumindest teilweise erklären, warum es gut ist, dass ich vor lauter Arbeit in und mit dieser „Normalität“ nicht zum Nachdenken komme. Und vor allem, für w e n das gut ist.

Nachtrag: Auch Harald Welzer bedauerte in Kulturzeit, dass so schnell wieder auf „Normalität“ umgestellt werden soll.

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2 Kommentare so far
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freut mich, dass Sie mein Buch vorliegen haben. Im dritten Kapitel erfahren Sie tatsächlich etwas über das Zeitempfinden unter der kapitalistischen Wirtschaft. Hinweise zu Buch und Autor auch unter http://www.christoph-fleischmann.de

Kommentar von cif

[…] Buch haut wohl in die selbe Kerbe wie Christoph Fleischmanns Gewinn in alle Ewigkeit (Rotpunkt). Warum hört keiner auf Philosophen und Theologen? Müssen wir […]

Pingback von 136. Geld V, oder: Glaube versetzt Berge « 365 x Deutschland




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