365 x Deutschland


94. Deutschlandfahnen schwenken

Ich hatte mich in meinem Stammcafé verabredet – unpraktischerweise genau zu dem Zeitpunkt, als das Fußballspiel zu Ende war, und nicht überrissen, dass die Leopoldstraße hier „Fanmeile“ ist. Bei dem Getröte – diese archaisch anmutenden Vuvudingsda-Hörner machen richtig Lärm – bekam ich Kopfschmerzen, noch bevor ich das Lokal erreichte. Drinnen lief, natürlich, die Glotze, in der brüllend erörtert wurde, warum „Schweini“ gelb-rot gesehen hatte. Draußen fuhren die Fans der Gewinner-Mannschaft Hup-Korso; zuerst dachte ich: Interessant, wie viele Serben es in München gibt. Bis mir auffiel, dass es immer die selben Autos waren; die wendeten wohl am Siegestor und bogen an der Freiheit wieder ein. Die genervte junge Frau, mit der ich ins Gespräch kam, hatte ihren kleinen Sohn auf seinen Wunsch vor dem dröhnenden TV-Gerät platziert und ärgerte sich lauthals über die fahnenschwenkenden Jugendlichen: „Da identifizieren sie sich plötzlich mit ihrem Land! Statt dass die sich für etwas Wichtiges engagieren! Gäb ja wirklich genug – wie wär’s mit ein bisschen Protest gegen den Westerwelle und seine Bande?“ – „Ja“, meinte ich, „den Fußballtaumel nutzen sie zum Beispiel gerade, um die ‚Gesundheitskarte‘ durchzuwinken.“ (Sogar Dr. Geldgier will aus der FDP austreten, wenn das passiert. Besser spät als nie, Mann!) Ein mitfühlender Mensch hatte inzwischen den Fernseher abgestellt, und in die plötzlich entstandene Stille sagte die junge Frau nachdenklich: „Man muss doch irgendetwas unternehmen.“ Ich gab ihr die Adresse dieses Blogs, mehr fiel mir auch nicht ein. Inzwischen war mein Date eingetroffen, und wir gingen hinaus in den Nachmittag, wo die Jugendlichen mit ihren Deutschlandfahnen durch den Regen schlappten.

Nachtrag: In ICH WILL HIER WEG, ABER WOHIN? Lexikon der alltäglichen deutschen (und wenn wir schon dabei sind, überhaupt) Ärgernisse – siehe Eintrag 1. – steht zum Stichwort „Deutschlandfahnen schwenken“:

Im Grunde hat Günter Grünwald recht, wenn er sagt, das Absingen des Bayern-Liedes („Gott erhalte…“, nicht „Olé, olé, oléoléolé“, das wird in den Stadien gern verwechselt) dürfe man auf keinen Fall den Rechten überlassen. Analog dazu müsste sich jeder rechtschaffene Bürger – und zwar nicht nur zu Fußball-WM- oder EM-Zeiten – so ein Stück schwarz-rot-gelben Stoff besorgen und irgendwo heraushängen lassen. Das Problem ist jedoch unter anderem auch ein Ästhetisches: Ich finde in meiner Umgebung einfach keinen Platz, wo diese Farbkombination hinpassen würde.

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