365 x Deutschland


144. Schande
27. Februar 2011, 20:11
Filed under: Bücher, Filme, Kunst, Was fehlt uns denn? | Schlagwörter: , , , ,

Angehöriger einer Elite begeht eine moralische Verfehlung, gibt sie ebenso kühl wie arrogant zu und fällt der Schande anheim: 1999 bekam der südafrikanische Schriftsteller J. M. Coetzee (Nobelpreis 2003) für seinen Roman den Booker Preis. Diese äußerst komplexe Geschichte der Menschwerdung eines Mannes spielt einerseits mit der Umkehrung der Machtverhältnisse im Südafrika nach der Apartheid, andererseits mit zwei Modellen von Weiblichkeit: pseudofortschrittliche Anpassungsfähigkeit und archaische Unterwerfung. Dieses brillante und brutale Buch spricht für mich neben seinen politschen und – wie so oft bei Coetzee – tierschützerischen Aspekten vor allem davon, wie eine anmaßende Elite von weißen Männern, die „Schönheit“ verehrt und „Kultur“ (Byron!) stets als Deckmäntelchen für ihre eigene Leidenschaftslosigkeit verwendet hatte, erst durch das gesellschaftliche Ausgestoßen-Sein lernt, wenn schon nicht Verständnis für die eigenen Fehler, so doch wenigstens einen Funken Mitgefühl zu entwickeln: Im Fall der Hauptfigur, Professor Lurie, für die Hunde in einer Tötungsstation. Bleibt die Frage: Welche Funktion könnte ein so altmodischer Begriff wie Schande in unserer Guttenberg-Gesellschaft noch haben, in der auch die Ehre höchstens in Zusammenhang mit der Mafia oder wohlfeiler Verurteilung türkischer „Ehrenmorde“ erwähnt wird?



143. Wieder in Behandlung
22. Februar 2011, 13:29
Filed under: Deutschland, Ein ganzes Land braucht Therapie, Kultur, Medien, TV | Schlagwörter: , ,

Klammheimlich hat 3sat die 2. Staffel der sehr guten HBO-Serie „In Treatment“ ins Programm gehoben. Im dazugehörigen Blog beschweren sich die ersten über die blöde Sendezeit (montags um Mitternacht).



142. Zivilcourage

Leg dich nicht mit den Anthroposophen an, Kind!“, sprach warnend eine Dame aus unserem Bekanntenkreis, nachdem ich mich an anderer Stelle über Waldorf-Kindergärten lustig gemacht hatte. „Und?“, fragte ich sie, „Was würde mir geschehen?“ (Die Dame ist über 80 und wäre schon vom Typ her – schwärmerisch, schöngeistig – wohl eher nicht der „Weißen Rose“ beigetreten, auch wenn sie das passende Alter gehabt hätte.) Während ich mir noch vorstelle, wie ein paar esoterische Betschwestern beiderlei Geschlechts, Rudolf Steiner-Gesamtausgaben schwingend, hinter mir her sind, komme ich ins Grübeln über uns Deutsche und die Zivilcourage. Dem weltbekannten Scientologen Tom Cruise verliehen wir ein Bambi für welche „Courage“ auch immer – wobei wirklich couragiert wohl eher die sind, die aus diesem Verein austreten und öffentlich davon erzählen. Margot Käßmann lehnte einen Preis für Zivilcourage ab, weil die Jury ihren Rücktritt dazugezählt hatte. In absehbarer Zeit wird man den Dr. plag. zu seiner Rückgabe des Titels beglückwünschen: schneidig! Bravo, gut gemacht! Irgend etwas stimmt nicht mit dem Begriff, wenn das zögerliche Zugeben von offensichtlichen Fehlern oder der rechtzeitige Rücktritt von einem Amt schon als couragiert gelten. Jungejunge, sähen die Ränge zerzaust aus, wenn jeder mediales Seppuku betriebe, der beim Schummeln, Mauscheln, Übern-Tisch-ziehen erwischt wurde. Zivilcourage bedeutet doch eigentlich, dort einzugreifen, wo Unrecht geschieht (der Fall Brunner), sich gegen Tyrannen zu erheben (Iran, Tunesien, Ägypten, Myanmar) oder den örtlichen Neonazis die Stirn zu bieten (Leipzig). Ich bin mir übrigens gar nicht sicher, ob ich bei der „Weißen Rose“ mitgemacht hätte – obwohl ich vom Typ her eher eine bin, die gern die Schnauze aufreißt (solange es nichts kostet – das ist das Schöne an einer Gesellschaft mit Meinungsfreiheit). Aber wenn wir jetzt medial mitverfolgen können, wie Libyer gnadenlos zusammengeschossen werden, weil sie gegen irre Herrscher aufbegehren (und die EU still hält, weil sie sich vor Flüchtlingen und schlecht gehenden Geschäften fürchtet), liegen zwei Fragen nahe: Könnte es sein, dass dereinst auch bei uns bequeme Menschen mit hoher Ungerechtigkeits-Toleranz (also Feiglinge wie dich und mich) der Mut der Verzweiflung packt? Und: Was würde uns geschehen?



141. Alles Gute, Ägypten!
14. Februar 2011, 10:58
Filed under: Bücher, Kultur, Politik, Radio | Schlagwörter: , , ,

Bayern 2 hat dem wunderbaren ägyptischen Schriftsteller Chalid al-Chamissi eine halbe Radio-Stunde gewidmet. Nur von guten Autoren erfährt man, was die Leute wirklich denken… ein einigermaßen mulmiges Gefühl könnte einen schon beschleichen bei der Geschichte von dem Taxifahrer, der findet, jetzt sollten mal die Muslimbrüder an die Macht kommen. Begründung: Ägypten habe ja sonst schon alles ausprobiert, und nichts hätte wirklich funktioniert… Hier ein paar Hintergrund-Informationen zur Muslimbrüderschaft von Mother Jones.



140. Heute wäre Thomas Bernhard 80 geworden

Jede Epoche ist eine entsetzliche

hat euer Großvater immer gesagt

aber das merkt man erst wenn man alt ist

Wie mich vor allem hier ekelt

ich spreche ja nicht davon

aber ich denke die ganze Zeit

wie mich vor allem ekelt

der Staat eine Kloake stinkend und tödlich

die Kirche eine weltweite Niedertracht

die Menschen um einen herum

abgrundtief häßlich und stumpfsinnig

der Bundespräsident ein verschlagener verlogener Banause

und alles in allem deprimierender Charakter

der Kanzler ein pfiffiger Staatsverschacherer

der Papst gibt in seinen Gemächern

ein sogenanntes warmes Essen für Obdachlose

und läßt diese Tatsache weltweit verbreiten

eine zynische Welt

die ganze Welt ist ein einziger Zynismus

größenwahnsinnige Schauspieler

mißbrauchen die Sahelzone

perverse Caritasdirektoren

reisen mit dem Flugzeug erster Klasse nach Eritrea

und lassen sich für die Weltpresse

mit den Verhungerten fotografieren

Professor Robert“ in Heldenplatz, Suhrkamp, 1988



139. Von den Amis lernen

Ich verstehe ja dieses ewige USA-Bashing nicht. Denn natürlich gibt’s auch in den Vereinigten Staaten immer wieder nette, vernünftige Leute, die sagen, wie’s ist. Und noch dazu in so wohlgesetzten Worten (danke, Kai). Der hier ist leider schon tot.



138. Von Nordafrika lernen

Oh, und endlich verstehe ich auch den Italien-Fimmel der Deutschen. Christoph Süß (in quer vom 3. 2. 2011) und die aktuelle Orientalismus-Ausstellung in München haben mich darauf gebracht. Italien hat eigenartige religiöse Rituale (Heilige, die blutige Tränen weinen! Exorzismus!), eine große Vergangenheit, keine Demokratie, reizvolle Landschaften voller touristisch nutzbarer Ruinen, viele schöne junge Frauen und einen despotischen Potentaten, der sich einen ganzen Harem davon leisten kann… Mit unserer Sehnsucht nach dem „Land, in dem die Zitronen blühn“, meinen wir eigentlich den Orient, sind aber zu faul, um viel weiter als bis kurz hinter den Garda-See zu fahren. Sollten wir vielleicht öfter tun, mal rüber nach Tunis oder Kairo. Schon um uns daran zu erinnern, dass man auf die Straße gehen, „wir sind das Volk“ skandieren und Machthaber tatsächlich loswerden kann.




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