365 x Deutschland


142. Zivilcourage

Leg dich nicht mit den Anthroposophen an, Kind!“, sprach warnend eine Dame aus unserem Bekanntenkreis, nachdem ich mich an anderer Stelle über Waldorf-Kindergärten lustig gemacht hatte. „Und?“, fragte ich sie, „Was würde mir geschehen?“ (Die Dame ist über 80 und wäre schon vom Typ her – schwärmerisch, schöngeistig – wohl eher nicht der „Weißen Rose“ beigetreten, auch wenn sie das passende Alter gehabt hätte.) Während ich mir noch vorstelle, wie ein paar esoterische Betschwestern beiderlei Geschlechts, Rudolf Steiner-Gesamtausgaben schwingend, hinter mir her sind, komme ich ins Grübeln über uns Deutsche und die Zivilcourage. Dem weltbekannten Scientologen Tom Cruise verliehen wir ein Bambi für welche „Courage“ auch immer – wobei wirklich couragiert wohl eher die sind, die aus diesem Verein austreten und öffentlich davon erzählen. Margot Käßmann lehnte einen Preis für Zivilcourage ab, weil die Jury ihren Rücktritt dazugezählt hatte. In absehbarer Zeit wird man den Dr. plag. zu seiner Rückgabe des Titels beglückwünschen: schneidig! Bravo, gut gemacht! Irgend etwas stimmt nicht mit dem Begriff, wenn das zögerliche Zugeben von offensichtlichen Fehlern oder der rechtzeitige Rücktritt von einem Amt schon als couragiert gelten. Jungejunge, sähen die Ränge zerzaust aus, wenn jeder mediales Seppuku betriebe, der beim Schummeln, Mauscheln, Übern-Tisch-ziehen erwischt wurde. Zivilcourage bedeutet doch eigentlich, dort einzugreifen, wo Unrecht geschieht (der Fall Brunner), sich gegen Tyrannen zu erheben (Iran, Tunesien, Ägypten, Myanmar) oder den örtlichen Neonazis die Stirn zu bieten (Leipzig). Ich bin mir übrigens gar nicht sicher, ob ich bei der „Weißen Rose“ mitgemacht hätte – obwohl ich vom Typ her eher eine bin, die gern die Schnauze aufreißt (solange es nichts kostet – das ist das Schöne an einer Gesellschaft mit Meinungsfreiheit). Aber wenn wir jetzt medial mitverfolgen können, wie Libyer gnadenlos zusammengeschossen werden, weil sie gegen irre Herrscher aufbegehren (und die EU still hält, weil sie sich vor Flüchtlingen und schlecht gehenden Geschäften fürchtet), liegen zwei Fragen nahe: Könnte es sein, dass dereinst auch bei uns bequeme Menschen mit hoher Ungerechtigkeits-Toleranz (also Feiglinge wie dich und mich) der Mut der Verzweiflung packt? Und: Was würde uns geschehen?

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