365 x Deutschland


155. Als es für Deutschland noch Hoffnung gab

Wie ehrlich können Memoiren sein? Gerade habe ich welche gelesen, die mir zumindest die 1960er-Jahre ff. und den Deutschen Herbst erklären, eine Zeit, in der ich die entscheidenden Jahre zu jung war, um sie wirklich zu verstehen: Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen. Zwei Schwestern aus der Provinz, die Bob Dylan, den Kommunismus und Rainer Langhans toll und ihrem Weg aus dem miefigen Kassel in die weite Welt fanden – wen soll das interessieren, fragen Sie? Oh, bei den Schwestern handelt es sich um Gisela Getty und Jutta Winkelmann (genau: die Zwillinge, die jetzt, als freundliche ältere Damen, wieder oder immer noch um jenen notorischen Kommunarden kreisen, der kurzfristig zur Ikone der Schuhwerbung auf- und zwischendurch ins Dschungelcamp abgestiegen war). Diese Langhans’sche Kurve scheint mir bezeichnend. Denn wie die Zwillinge sich und ihre Zeit erlebt haben, spricht – vom Co-Autor Jamal Tuschik („Aufbrechende Paare“) einfühlsam in Form gebracht – von der Hoffnung auf ein anderes Deutschland, eine andere Art zu leben, zu lieben und zu arbeiten. Selten habe ich diese Hoffnung so unzynisch, so unverblümt, mit so wenig theoretischem Über- oder Unterbau, so vorpsychologisch, so w e i b l i c h erzählt bekommen. (Jaja, ich höre das Aufheulen meiner feministischen Freundinnen bis hierher.) Und was, bitte, ist aus dieser verträumt antikapitalistischen Blumenkinder-Summer of Love-cum-Frauenbefreiung (vulgo: mehr oder weniger besinnungsloses Herumvögeln) -Hoffnung nun geworden? In der aktuellen ZEIT seufzt Ursula März auf Seite 49 erschöpft: „Lasst mich in Ruhe! – Warum ich die ständigen Debatten über die gesellschaftliche Rolle der Frau nicht länger ertrage“. Vielleicht hatte März ein ähnliches – weibliches – Lebensgefühl vor Augen wie jenes, das die Zwillinge in ihren unverkopften (manche würden sagen: arg naiven) Memoiren in die Gegenwart transportieren, so ehrlich sie’s eben können. Nach dieser Lektüre möchte ich mich sofort dem Vorschlag der Ursula März am Ende ihres ZEIT-Artikels anschließen: „ein Redemoratorium von, sagen wir, zwei Jahren. Mal zwei Jahre lang kein Gerede über Frauenrollen und Frauenleben. Zwei Jahre nichts als Ruhe und zur Ruhe kommen. Der Vorstandsvorsitz der deutschen Bank und die Herausgeberschaft der FAZ laufen uns dabei nicht weg.“ Ach: versuchen wir tasächlich immer noch, Geist und Geld zu küssen? Anscheinend ja, allerdings macht das Leben in Deutschland, so wie es heute ist, (nicht nur) Frauen zu gehetzten, überforderten, aggressiven Wesen, denen nur die milde Reminiszenz des TV-Werbespots eine Ahnung vermittelt vom Sich-treiben-lassen, von der Sehnsucht nach Aufbruch…


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154. Zorn II

Georg Schramm über die „Mitesser des Bösen“:



153. Sloterdijks Rede zur Freiheit

Hat ja bissl gedauert, bis sie online war. Ich stell sie hier hin, um bei Gelegenheit anzuhören, was S. über die FDP und Stress sagt:



152. Volksverblödung (2008)
5. Mai 2011, 08:23
Filed under: Deppenschelte, Deutschland, Erziehung, Medien, Politik | Schlagwörter: , , , , ,

Nicht dass sich etwas geändert hätte (dieses schöne Schramm-Tirade hat Thomas Kletschke gefunden und dankenswerterweise über Fazzebukk verbreitet).

https://www.youtube.com/watch?v=RkNddCXSLvM&feature=player_embedded




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