365 x Deutschland


199. Happy Birthday, Agenda 2010!

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Hartz IV ist ein zehn Jahre alter Begriff – und immer noch nicht aus der Mode… Grund genug, ihn als Stichwort in Ich will hier weg, aber wohin aufzunehmen. Dieses „Lexikon der deutschen Ärgernisse“ kam übrigens als Aspirant für den Indie Autor-Preis der Leipziger Buchmesse – völlig zu Recht, wie ich finde – auf die Shortlist. Siehe Eintrag 1; seit 2009 schlage ich mich mit diesem Projekt herum. Jetzt wird auf  iTunes dafür geworben, im Rahmen der Droemer neobooks-Kooperation mit Apple Breakout Books. Die Holzmedien haben es immer noch nicht entdeckt. Aber das macht nichts: Das Buch wird auch 2019 noch aktuell sein, fürchte ich.

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179. Kein Wort mehr zu dem alten Mann und seiner letzten Tinte

Pic: Kai Taschner

Pic: Kai Taschner.

Ist ja auch alles gesagt, z. B. hier oder hier. Das hysterische Aufeinandereindreschen von Meinungsinhabern innerhalb und außerhalb des Feuilletons, das in Deutschland die Debattenkultur ersetzt, nervt einfach nur noch. Viel lieber empfehle ich das sehr persönliche Vorwort zum neuen Buch von Linda Benedikt: Israel, a love that was – Die Geschichte einer Entzauberung„, Aphorisma Verlag/Kreuzberg, Berlin. 



173. Und nun schalten wir um zur WERBUNG

Habe die ersten Kapitel meines neuen Buchprojekts vorgestellt und danke für die Erwähnung. Kollegenlob freut immer.

Wohin mit Oma? – Ein wunderbares Projekt von Inge Zumbach und Eva Herold-Münzer.



168. Das höchste Amt

Was mich am meisten nervt an diesem verkniffenen „Besser die Wahrheit“ – Schwurbler: Seine Nähe zu den Evangelikalen. Dürfen Christen eigentlich lügen? Im Zusammenhang mit seiner ach so viel beachteten Islam-Äußerung habe ich mich bereits furchtbar über den Schafspelz des Christian „Pro Christ“ Wulff aufgeregt. Seltsamerweise ist die Journaille schon damals nicht auf das Thema Fundamentalismus eingestiegen.



163. Schöne neue Welt der Selbstvermarktung

 

Cover_1_neu KopieDiese ganze Ich-AG-Entwicklung ist richtig blöd, wenn eine/r zwar Talent zum Schreiben hat, aber keines dazu, sich selbst zu vermarkten. Ego-Branding heißt das auf Neudeutsch. Zum Glück verfüge ich über eine gewisse Großmäuligkeit, deswegen sind Sie hier. Zur Erinnerung: Dieses Web-Tagebuch, das sporadisch deutschen Alltag beobachtet und kommentiert, entstand aus Ärger (siehe Eintrag Nr.1) über die Verlagsbranche, die ihren Job inzwischen einfach grottenschlecht macht. Natürlich gibt es Ausnahmen. Nur: Ich lebe mit einem – in Intellektuellen-Kreisen wohlbekannten – Sachbuch-Autor, und selbst bei dessen Büchern, inzwischen sind es 14 oder 15, schielen die Damen und Herren Verleger/Lektoren jetzt auf „Publikumswirksamkeit“ und „Marktwert“, frei nach dem Motto „also, Vampir-Romane wären der Bringer“. So was Dämliches, wenn einer lieber über Joyce schreibt oder Balladen-Sammlungen herausgibt. Also bitte, tun Sie mir den Gefallen und „liken“ Sie wenigstens mein Buch, wenn Sie einen Facebook-Account haben: einfach auf den Link gehen und dort „Gefällt mir“ klicken. Danke sehr.



162. Charlotte Roche, oder: Was ich an Deutschland mag II

Normalerweise widerspreche ich dem hochgeschätzten Feuilletonchef der AZ nicht – im Fall Charlotte Roche muss es leider sein. Volker Isfort hatte das Spiegel-Gespräch mit der Skandal-Autorin („Feuchtgebiete“) zu ihrem neuen Buch gelesen und befürchtete nun weniger Tabu- als Ermüdungsbrüche. Ich fand das Interview nicht ermüdend, sondern eher ziemlich aufregend. Da sagt mal eine, was Sache ist. Vor lauter Angst, für antifemininstisch gehalten zu werden, traut sich doch sonst kaum jemand, auch nur den Verdacht zu äußern, dass Frauen ihre (Hetero-)Beziehungen scheinbar mutwillig hintertreiben – eine Beobachtung, die in der Praxis gar nicht so selten zu machen ist… Roche hatte allerdings schon gute Ansätze gezeigt, als sie noch FastForward für MTV (oder war’s Viva? Oder VH1?) moderierte, und man konnte sich vorstellen: Wenn die mal erwachsen ist, das wird ein Knaller. Jetzt ist Roche erwachsen, und Alice Schwarzer schreibt ihr einen Brief. Natürlich ehren wir Alice Schwarzer für ihr Lebenswerk, auch wenn sie zuletzt ihre Seele an die BLÖD-Zeitung verkauft hat. Eine demente Oma würden wir ja auch nicht ins Heim stecken, nur weil sie seit ein paar Jahren Unsinn redet. Nein, sie darf bei uns am Tisch sitzen und brabbeln, aber als Vorbild hat sie ausgedient. Neue Leitfigur könnte eine wie Roche werden. Verrückt wie ein Märzhase, das schon – aber wer von uns hätte selbst nicht leicht einen an der Klatsche (außer dir, Mami, klar, und jetzt halt die Klappe)? Authentizität ist die Devise. Die Auflehnung gegen das Frauenbild der „Frauen“zeitschriften, geschenkt – wir brauchen einen echten Gegenentwurf. Muss ja nicht gleich so hysterisch daherkommen wie in „Schoßgebete“. Aber eines steht fest: Durchgeknallt ist das neue Normal. „Frauen – das verrückte Geschlecht“: Erinnert sich wer an die Thesen von Phyllis Chesler? Nein? Egal – wir mit Krankheitsfantasien („die spinnt doch“) marginalisierten und mit der passiv-aggressiven Mutmaßung endloser Muster-Wiederholungs-Schleifen („mach nicht den gleichen Fehler wie ich, Kind“) eingeschüchterten Frauen müssen uns aus der Opferecke heraus bemühen und zu unsere Neurosen stehen. Das kann Roche doch schon richtig gut.

Und hier noch die passende Illustration…

Miss Birdsong: They Wore Their Mother´s Bones Like Scarlet Letters (via flickr), gefunden bei Frank T. Zumbachs Mysterious World



155. Als es für Deutschland noch Hoffnung gab

Wie ehrlich können Memoiren sein? Gerade habe ich welche gelesen, die mir zumindest die 1960er-Jahre ff. und den Deutschen Herbst erklären, eine Zeit, in der ich die entscheidenden Jahre zu jung war, um sie wirklich zu verstehen: Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen. Zwei Schwestern aus der Provinz, die Bob Dylan, den Kommunismus und Rainer Langhans toll und ihrem Weg aus dem miefigen Kassel in die weite Welt fanden – wen soll das interessieren, fragen Sie? Oh, bei den Schwestern handelt es sich um Gisela Getty und Jutta Winkelmann (genau: die Zwillinge, die jetzt, als freundliche ältere Damen, wieder oder immer noch um jenen notorischen Kommunarden kreisen, der kurzfristig zur Ikone der Schuhwerbung auf- und zwischendurch ins Dschungelcamp abgestiegen war). Diese Langhans’sche Kurve scheint mir bezeichnend. Denn wie die Zwillinge sich und ihre Zeit erlebt haben, spricht – vom Co-Autor Jamal Tuschik („Aufbrechende Paare“) einfühlsam in Form gebracht – von der Hoffnung auf ein anderes Deutschland, eine andere Art zu leben, zu lieben und zu arbeiten. Selten habe ich diese Hoffnung so unzynisch, so unverblümt, mit so wenig theoretischem Über- oder Unterbau, so vorpsychologisch, so w e i b l i c h erzählt bekommen. (Jaja, ich höre das Aufheulen meiner feministischen Freundinnen bis hierher.) Und was, bitte, ist aus dieser verträumt antikapitalistischen Blumenkinder-Summer of Love-cum-Frauenbefreiung (vulgo: mehr oder weniger besinnungsloses Herumvögeln) -Hoffnung nun geworden? In der aktuellen ZEIT seufzt Ursula März auf Seite 49 erschöpft: „Lasst mich in Ruhe! – Warum ich die ständigen Debatten über die gesellschaftliche Rolle der Frau nicht länger ertrage“. Vielleicht hatte März ein ähnliches – weibliches – Lebensgefühl vor Augen wie jenes, das die Zwillinge in ihren unverkopften (manche würden sagen: arg naiven) Memoiren in die Gegenwart transportieren, so ehrlich sie’s eben können. Nach dieser Lektüre möchte ich mich sofort dem Vorschlag der Ursula März am Ende ihres ZEIT-Artikels anschließen: „ein Redemoratorium von, sagen wir, zwei Jahren. Mal zwei Jahre lang kein Gerede über Frauenrollen und Frauenleben. Zwei Jahre nichts als Ruhe und zur Ruhe kommen. Der Vorstandsvorsitz der deutschen Bank und die Herausgeberschaft der FAZ laufen uns dabei nicht weg.“ Ach: versuchen wir tasächlich immer noch, Geist und Geld zu küssen? Anscheinend ja, allerdings macht das Leben in Deutschland, so wie es heute ist, (nicht nur) Frauen zu gehetzten, überforderten, aggressiven Wesen, denen nur die milde Reminiszenz des TV-Werbespots eine Ahnung vermittelt vom Sich-treiben-lassen, von der Sehnsucht nach Aufbruch…





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