365 x Deutschland


197. Industriell vorgefertigte Romantik

Seit Wochen hängen in jedem zweiten deutschen Schaufenster diese doofen rosa Herzen, die einen anschreien: NICHT VERGESSEN: 14. FEBRUAR IST VALENTINSTAG! Männer, lasst Euch davon morgen nicht ins Bockhorn jagen. Außer für die Millionenumsätze der Blumenhändler ist dieser Tag überhaupt nicht wichtig. Und das sage ich – eine ausgewiesene Romantikerin. Hier ein Zitat aus meinem „Lexikon der deutschen Ärgernisse“ als Postkarte, zusammen mit 9 anderen Motiven zu bestellen über die Kommentarfunktion:

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196. Was ich an Deutschland mag III

Du kannst immer nur meckern, meckern, meckern.“ Quentin Tarantino zu George Clooney in „From Dusk till Dawn

Über Deutschland abzulästern ist einfach. Ich habe mich so lange im Blog über unsere Verhältnisse, Zustände und Verfasstheiten geärgert, bis ein ganzes Buch daraus wurde. Es ist ein Lexikon, und natürlich wird so etwas nie wirklich fertig, denn es tauchen ja dauernd neue Anlässe zum Sich-die-Haare-raufen auf. Aber ich habe versprochen, auch über Deutschlands gute Seiten nachzudenken. Derzeit muss ich mich jedoch ein wenig anstrengen, um vor mir selbst zu begründen, wieso ich eigentlich in diesem Land bleibe. („Geh doch nach drüben, wenn dir was nicht passt“: d a s habe ich lange nicht mehr gehört – und hier hätten wir bereits eine erste positive Entwicklung, immerhin.)

Nur: Merkel und Rösler, Steinbrück und Roth in der Mitte der Neo-Spießer-Gesellschaft mit all ihren erhobenen Zeigefingern und ihrer verkorksten Weltmeisterschaft in Vergangenheits“bewältigung“ und ihrer vorbildlichen Mülltrennung, dazu links außen Gesine „Klar brauchen wir so etwas wie die Stasi wieder, wenn der Kommunismus gesiegt hat“ Lötzsch, und am entgegengesetzten Ende des politischen Spektrums die antisemitischen braunen Vollidioten – uaaah. („Geh doch selbst in die Politik“, höre ich Fritz Effenberger sagen, aber das wird nix, solange die Piraten heuchlerisch über Post-Gender schwafeln und es nicht schaffen, sich deutlich gegen rechtes Pack abzugrenzen.)

Aber bitte, da ohnehin alles Private politisch ist, suche ich eben bei den persönlichen Vorlieben weiter. Hm. Über das deutsche Wetter musst du mit einer Wintersporthasserin nicht diskutieren; die Hälfte des Jahres ist suboptimal, drei Monate davon sind nachgerade unkuschelig. Gut, in Australien ist jetzt Sommer, aber die Freunde dort versichern glaubhaft, dass es sogar zu heiß ist, um auch nur mit dem Hund spazieren zu gehen. Freunde: gutes Stichwort. Natürlich könnte ich woanders neue Freunde finden. Aber meine alten würde ich doch schrecklich vermissen. Also, die Sorte Freunde, die problemlos in 30 bis 60 Minuten zu erreichen ist, wenn nötig, auch mitten in der Nacht. Halten wir fest: Was ich an Deutschland mag, sind meine Freunde. Was noch? Familie? Da kommt mir wieder Australien in den Sinn. Natürlich liebe ich meine Familie, aber lebte ich auf den Antipoden, sähe ich sie ungefähr so oft, wie ich sie sehen möchte.

Was also ist schön in Deutschland? Nun, wir haben keinen so schlimmen Smog wie China, weniger Arbeitslose als Spanien oder Griechenland, weniger Besoffene auf den Straßen als Großbritannien, bissl mehr Demokratie als Putins Russland und – trotz zahlreicher Durchstechereien – immer noch besseres Fernsehen als Italien. Das ist doch schon mal was… vielleicht fällt der geneigten Leserschaft noch mehr Positives ein?



176. Deutschland, ein Wintermärchen

Als gestern die Heizung ausfiel – oh, toll, das Thermometer zeigt zehn Miese und es ist Freitag – und die Bude hübsch auskühlte, fand ich während des Wartens auf den Monteur diesen Text der Kollegin Heike Pohl: Eine herzerwärmende Wintergeschichte.



174. Braun II, oder: Wie wird eine deutsche Frau zur Neo-Nazisse?

Bereits eine meiner ersten Kolumnen in der GAZETTE beschäftigte sich mit weiblichen Nazis  – und  ich kapiere heute so wenig wie damals, dass es nach dem Holocaust überhaupt noch Nazis gibt. Am allerwenigsten verstehe ich, wie Frauen da mitmachen konnten/können. Das ist natürlich ein Vorurteil, deshalb höre ich meiner Schwiegermutter (86) sehr genau zu, wenn sie erzählt, wie das damals war, wenn man nicht zu den Gruppenabenden wollte. Und ich weiß auch, dass es KZ-Wärterinnen gab, und flammende Hitler-Verehrerinnen aus den besten Kreisen, darunter übrigens Coco Chanel und Wallis Simpson, die heute noch von politisch unbeleckten Modefuzzis als Stil-Ikonen gefeiert werden. Ulrike Heidenreich hat in der Süddeutschen Zeitung vom 21./22. Januar 2012 einen aufschlussreichen Artikel über Nazissen veröffentlicht, den ich online nicht gefunden habe und deshalb hierher kopiere :

SZ Januar 2012 I
SZ Teil 2

Zum Vergrößern auf die Bilder klicken. Die Qualität lässt zu wünschen übrig, das bitte ich zu entschuldigen. Versuchen Sie dennoch, diese Analyse zu lesen, denn das Thema ist wichtig: Die verkorksten Gören in Springerstiefeln von vor zehn Jahren sind inzwischen in der „Mitte der Gesellschaft“ angekommen“. Es leben ja nur noch wenige Zeitzeugen, die den jungen Frauen im O-Ton, so von Mensch zu Mensch, verständlich machen könnten, was sich aus derlei Gedankengut entwickelt; meine Schwiegermutter zum Beispiel, oder Marcel Reich-Ranicki. Hier seine Rede vor dem Bundestag im Wortlaut. Ist es wirklich das, was diese Weiber mit ihrer Deutschtümelei erreichen wollen?

Nachtrag: Heike Pohl empfahl mir diesen Link – hier wird so eine braune Übermutter vorgestellt. Interessante Lektüre.



173. Und nun schalten wir um zur WERBUNG

Habe die ersten Kapitel meines neuen Buchprojekts vorgestellt und danke für die Erwähnung. Kollegenlob freut immer.

Wohin mit Oma? – Ein wunderbares Projekt von Inge Zumbach und Eva Herold-Münzer.



169. Trotzdem schönen Wüstenrot-Tag!

Hatte wieder einen hohen Bäh-Faktor, dieses zur Neige gehende Jahr. Guttenberg. Bunga-Bunga. Wiege der Demokratie. 1 Prozent gegen die übrigen 99 Prozent. Gescheiterte Gipfel. Pressefreiheit „ungarischer Stil“. Hedgefonds. Wasserwerfer Marke Stuttgart 21. „Pro Christ“ian Wulff. Maschmeyer (inkl. Vroni „Yikes“ Ferres). Der Irre von Oslo. Euro-Rettungsschirm-Hebel. Hunger in Afrika, und nicht zu knapp. Kriegsähnliche Zustände, immer noch. Rechts-Terrorismus; Zeit wurd’s, dass auch die „breite Öffentlichkeit“ das Ausländer-Klatschen beim korrekten Namen nennt. (Was die Blindheit unserer Verfassungsorgane auf dem braunen Auge – und ihre Hysterie, wenn es um „linkes“ Gedankengut – angeht: Das Wort „Gentrifizierung“ steht mittlerweile in der Münchner Abendzeitung, ohne dass ein rote Flagge aufleuchtet, während man 2011 manchen Leuten immer noch den Fall Andrej Holm erklären musste.) Pfui Geier. À propos: Die Labor-Vogelgrippe kommt. Und Kernkraft ist und bleibt ein Spiel mit dem Tod. Eurem und dem Eurer Kinder, Ihr verbrecherischen Energiefürsten von Tepco, E.On & Co., übrigens genauso, auch wenn das das nicht in Eure Spatzenhirne geht. Sonst was Neues? Siehe Eintrag 31: Lieblingswörter des letzten Jahres. Tschä. Hat sich nicht so furchtbar viel geändert.

Für weitere zielführende Informationen schlagen Sie bitte bei Dr. Vogl nach.



162. Charlotte Roche, oder: Was ich an Deutschland mag II

Normalerweise widerspreche ich dem hochgeschätzten Feuilletonchef der AZ nicht – im Fall Charlotte Roche muss es leider sein. Volker Isfort hatte das Spiegel-Gespräch mit der Skandal-Autorin („Feuchtgebiete“) zu ihrem neuen Buch gelesen und befürchtete nun weniger Tabu- als Ermüdungsbrüche. Ich fand das Interview nicht ermüdend, sondern eher ziemlich aufregend. Da sagt mal eine, was Sache ist. Vor lauter Angst, für antifemininstisch gehalten zu werden, traut sich doch sonst kaum jemand, auch nur den Verdacht zu äußern, dass Frauen ihre (Hetero-)Beziehungen scheinbar mutwillig hintertreiben – eine Beobachtung, die in der Praxis gar nicht so selten zu machen ist… Roche hatte allerdings schon gute Ansätze gezeigt, als sie noch FastForward für MTV (oder war’s Viva? Oder VH1?) moderierte, und man konnte sich vorstellen: Wenn die mal erwachsen ist, das wird ein Knaller. Jetzt ist Roche erwachsen, und Alice Schwarzer schreibt ihr einen Brief. Natürlich ehren wir Alice Schwarzer für ihr Lebenswerk, auch wenn sie zuletzt ihre Seele an die BLÖD-Zeitung verkauft hat. Eine demente Oma würden wir ja auch nicht ins Heim stecken, nur weil sie seit ein paar Jahren Unsinn redet. Nein, sie darf bei uns am Tisch sitzen und brabbeln, aber als Vorbild hat sie ausgedient. Neue Leitfigur könnte eine wie Roche werden. Verrückt wie ein Märzhase, das schon – aber wer von uns hätte selbst nicht leicht einen an der Klatsche (außer dir, Mami, klar, und jetzt halt die Klappe)? Authentizität ist die Devise. Die Auflehnung gegen das Frauenbild der „Frauen“zeitschriften, geschenkt – wir brauchen einen echten Gegenentwurf. Muss ja nicht gleich so hysterisch daherkommen wie in „Schoßgebete“. Aber eines steht fest: Durchgeknallt ist das neue Normal. „Frauen – das verrückte Geschlecht“: Erinnert sich wer an die Thesen von Phyllis Chesler? Nein? Egal – wir mit Krankheitsfantasien („die spinnt doch“) marginalisierten und mit der passiv-aggressiven Mutmaßung endloser Muster-Wiederholungs-Schleifen („mach nicht den gleichen Fehler wie ich, Kind“) eingeschüchterten Frauen müssen uns aus der Opferecke heraus bemühen und zu unsere Neurosen stehen. Das kann Roche doch schon richtig gut.

Und hier noch die passende Illustration…

Miss Birdsong: They Wore Their Mother´s Bones Like Scarlet Letters (via flickr), gefunden bei Frank T. Zumbachs Mysterious World




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