365 x Deutschland


164. Nachdenken über Geld V. Oder: Wenn „die Basis“ aufmuckt

Wie weit sich die politische Klasse vom Wahlvolk entfernt hat, machen ja nicht nur Fernsehbilder deutlich, in denen bräsige oder nassforsche Wichtigtuer den Kolonnen von extrabulligen Spritschluckern entsteigen, um gemeinsam zu beschließen, welchen Stromriesen und Finanzmarktfürsten diesmal die Steuergelder in den Rachen geworfen werden sollen. Auch Heerscharen williger Helfer jeder Couleur haben den ganzen Unsinn auf Gemeindeebene lange mitgetragen, doch jetzt scheinen die ersten aufzumucken, sogar bei der CDU. Allerdings sehe ich noch wenig Chancen für tiefgreifende Innovationen in einer derart vom Lobbyismus dominierten Parteienlandschaft. In unseren festgefahrenen Strukturen etwas zu bewegen wird eher auf zwei anderen Ebenen möglich sein – und zwar auf beiden über, genau, das Geld. Da ist einmal die Möglichkeit der regionalen Währungen. Den Abzockern das Handwerk legen wird nicht ganz einfach werden, aber in Österreich, der Heimat des „Schwundgelds“, in der Schweiz (WIR-Bank) und auch bei uns gibt es bereits ausreichend Erfahrungen mit Regiogeld. Jetzt fehlen noch die mutigen Kommunalpolitiker, die ein bisschen weiter denken, denen die Macht und die dicken Autos und die Fernsehbilder wurst sind. Und dann gibt es das Netz. Elektronisch unterstützte Verabredung zu Collaborative Consumption, vom Carsharing bis zum Micro-Kredit: Da geht’s lang. Denn – ich sag’s wirklich ungern – wir sind das Volk.



87. Sie könnten schon. Aber sie wollen nicht.

Es gibt genug Leute, die durchaus Ideen dazu haben, wie man unser abgedrehtes Wirtschaftssystem vom Kopf auf die Füße stellen könnte – und ich meine jetzt gar nicht mal die „Radikalen“, die mit dem bedingungslosen Grundeinkommen:

Oder die anderen „Verrückten“, die sich mit Silivio Gesells Freiwirtschaftslehre befassen, oder „Komiker“, die was gegen Schulden und Zinsen haben:

(via).

Nein, es gibt ganz „normale“ Wirtschaftswissenschaftler, die Lösungen anbieten. Die wirklich nicht als absurd fortschrittlich bekannte SZ nennt etwa die Rezepte des Prof. Nouriel Roubini als Beispiele für praktikable Regulierung. Aber was passiert? Genau: Nix. Ändern die Banken und Versicherungen und Lobbyisten und Politiker etwas? Ach wo, die wollen lieber weiter spielen. Mit unserem Geld.

Nachtrag: Oh, Moment, es tut sich was: Geben Sie mal auf Kurrently „Staatsverschuldung“ ein



32. Guter Vorsatz für 2010

Die Huffington Post machte an Silvester mit der Headline Move Your Money – A New Year’s Resolution auf. Ein guter Tipp, zumindest für Leute mit Geld: Ziehen Sie Ihre Kohle von den Großbanken ab und legen Sie es bei kleinen, regionalen Instituten an. Denn die Bankriesen, die ja nicht pleite gehen dürfen, weil sie „systemrelevant“ (auch eines meiner Lieblingswörter den vergangenen Jahres) sind, schreiben längst wieder fette schwarze Zahlen, von denen niemand was hat außer ihnen. Nun würde ich, hätte ich Geld, mich ja gern nach kleinen Banken umschauen; die kleinste bei uns am Ort ist die Sparkasse, und die hängt bei den Landesbanken mit drin. Also weiter. Die Volks- und Raiffeisenbanken. Von Leuten, die dort arbeiten, höre ich, dass die wie ganz normale Banken funktionieren, inklusive Beratungsdruck – auch hier werden schon mal „Produkte“ verscherbelt, die für die obere Etage interessant sind (nicht für den Bankkunden). Dann: Die Genossenschaftsbanken – die müssten eigentlich im Sinne der „Genossen“ wirtschaften. Die nehmen aber nicht jeden – da müsste sich reinklagen, wer nicht den Aufnahme-Kriterien entspricht. Hm. Irgendwo auf dem Lande, ich glaube, im Schwäbischen (das habe ich mal in einer TV-Reportage gesehen), gibt es einen Dorf-Bankier, der nur drei „Produkte“ hat: Man kann bei ihm ein Giro-Konto führen, einen Kredit kriegen und, wenn man möchte (wobei das eigentlich der momentan aufregendsten Theorie, dem Schwundgeld nach Gesell, widerspricht) Geld ansammeln, vulgo: sparen. Das verstehe sogar ich. Nur will ich nicht dauernd ins Schwäbische fahren, also müsste ich Bankgeschäfte online abwickeln – da gibt es Angebote von seriös wirkenden Instituten, die versprechen, ethisch und regional zu investieren. Ich traue mir allerdings nicht zu, die realistisch zu beurteilen. Lieber mache ich selbst eine Bank auf. Das wäre doch überhaupt die Lösung! Hier also mein Vorschlag: Leute, wir leihen uns das Geld gegenseitig, gründen in jedem Nest eine Bank (das klappt auf Bali und in Togo, Stichwort: Mikro-Kredite – warum also nicht hier?), und die Global Players haben das Nachsehen…



18. Von den Briten lernen

30 Oxfam-Läden gibt es mittlerweile in Deutschland – beim Bummeln entdeckte ich eines der beiden Münchner Geschäfte. Das „Oxforder Komitee zur Linderung von Hungersnot“ wurde 1942 gegründet, und der allererste Shop, eröffnet 1948 in Oxford, existiert immer noch, höre ich. Diese Geschäfte verkaufen die gebrauchten Bücher, DVDs, Kleidung etc., die man ihnen spendet, zu günstigen Preisen an Leute, die wenig Geld haben. Ist mir sympathischer als eBay – die Sachen werden nicht um die halbe Welt geschickt, sondern bleiben vor Ort, es gibt keinen Bieter-Rausch… Wobei die Leute, die die Spenden annehmen, sich auch hier die besten Stücke sichern werden, das ist wahrscheinlich nicht viel anders als auf unseren „Wertstoff-Höfen“, bei denen die gestern erwähnte Freundin arbeitet. Sie erzählt, dass da ein Hauen und Stechen einsetzt, sobald etwa ein wirklich gutes Teil abgeladen wird: Die Geschäftstüchtigsten reißen es sich sofort unter den Nagel. Aber das Prinzip, gebrauchten Dingen eine zweite Chance zu geben, geht schon in die richtige Richtung. A propos: Die Jungs und Mädels von NWO scheinen auch ziemlich fit zu sein, was Marktwirtschaft statt Kapitalismus betrifft.



13. Von der Schweiz lernen

Ich denke immer noch über Geld nach… Eigenartig, dass sich ausgerechnet im Kernland des globalisierten Geldgeschäfts eine Art genossenschaftlich geführter Tauschring erfolgreich etablieren konnte: Die „Wir“-Bank ist inzwischen so groß, dass man sogar Eigentumswohnungen mit „Wir“-Geld bezahlen kann. Man könne eigentlich alles mit diesem alternativen Zahlungsmittel berappen, bemerkte ein Mitglied, außer Steuern. Und selbst die würden die Gemeinden in „Wir“ annehmen, wenn sie nichts anderes in die Finger bekämen… Was mich wundert: Dass die „normalen“ Schweizer Banker diese Komplementär-Währung zulassen. In Wörgl beendete die Österreichische Nationalbank das Freigeld-Experiment des Michael Unterguggenberger 1933 per Gerichtsbeschluss und unter Androhung von Gewalt. Das sogenannte „Wunder von Wörgl“ hatte der damalige Bürgermeister U. bewirkt, indem er Ideen aus der Freiwirtschaftslehre des Silvio Gesell aufgegriffen hatte. Fragt man einen Volks- oder Betriebswirtschaftler heute nach diesem Namen, erntet man Schulterzucken: nie gehört! Wahrscheinlich irgend so ein kommunistischer Unsinn! Was haben die eigentlich gelernt in ihrem Studium?? Da sollten die sich aber schleunigst „aufschlauen“ (danke, Frank Schätzing).




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