365 x Deutschland


197. Industriell vorgefertigte Romantik

Seit Wochen hängen in jedem zweiten deutschen Schaufenster diese doofen rosa Herzen, die einen anschreien: NICHT VERGESSEN: 14. FEBRUAR IST VALENTINSTAG! Männer, lasst Euch davon morgen nicht ins Bockhorn jagen. Außer für die Millionenumsätze der Blumenhändler ist dieser Tag überhaupt nicht wichtig. Und das sage ich – eine ausgewiesene Romantikerin. Hier ein Zitat aus meinem „Lexikon der deutschen Ärgernisse“ als Postkarte, zusammen mit 9 anderen Motiven zu bestellen über die Kommentarfunktion:

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174. Braun II, oder: Wie wird eine deutsche Frau zur Neo-Nazisse?

Bereits eine meiner ersten Kolumnen in der GAZETTE beschäftigte sich mit weiblichen Nazis  – und  ich kapiere heute so wenig wie damals, dass es nach dem Holocaust überhaupt noch Nazis gibt. Am allerwenigsten verstehe ich, wie Frauen da mitmachen konnten/können. Das ist natürlich ein Vorurteil, deshalb höre ich meiner Schwiegermutter (86) sehr genau zu, wenn sie erzählt, wie das damals war, wenn man nicht zu den Gruppenabenden wollte. Und ich weiß auch, dass es KZ-Wärterinnen gab, und flammende Hitler-Verehrerinnen aus den besten Kreisen, darunter übrigens Coco Chanel und Wallis Simpson, die heute noch von politisch unbeleckten Modefuzzis als Stil-Ikonen gefeiert werden. Ulrike Heidenreich hat in der Süddeutschen Zeitung vom 21./22. Januar 2012 einen aufschlussreichen Artikel über Nazissen veröffentlicht, den ich online nicht gefunden habe und deshalb hierher kopiere :

SZ Januar 2012 I
SZ Teil 2

Zum Vergrößern auf die Bilder klicken. Die Qualität lässt zu wünschen übrig, das bitte ich zu entschuldigen. Versuchen Sie dennoch, diese Analyse zu lesen, denn das Thema ist wichtig: Die verkorksten Gören in Springerstiefeln von vor zehn Jahren sind inzwischen in der „Mitte der Gesellschaft“ angekommen“. Es leben ja nur noch wenige Zeitzeugen, die den jungen Frauen im O-Ton, so von Mensch zu Mensch, verständlich machen könnten, was sich aus derlei Gedankengut entwickelt; meine Schwiegermutter zum Beispiel, oder Marcel Reich-Ranicki. Hier seine Rede vor dem Bundestag im Wortlaut. Ist es wirklich das, was diese Weiber mit ihrer Deutschtümelei erreichen wollen?

Nachtrag: Heike Pohl empfahl mir diesen Link – hier wird so eine braune Übermutter vorgestellt. Interessante Lektüre.



173. Und nun schalten wir um zur WERBUNG

Habe die ersten Kapitel meines neuen Buchprojekts vorgestellt und danke für die Erwähnung. Kollegenlob freut immer.

Wohin mit Oma? – Ein wunderbares Projekt von Inge Zumbach und Eva Herold-Münzer.



172. Nochmal Kultur

Für alle, die beim Paul-Klinger-Filmabend am 14. November 2011 in München nicht dabei sein konnten, zum Anklicken und Ansehen das bewegende Filmdrama von 1947 „Ehe im Schatten“ (Regie: Kurt Maetzig) in sehr guter Qualität und voller Länge (via).



163. Schöne neue Welt der Selbstvermarktung

 

Cover_1_neu KopieDiese ganze Ich-AG-Entwicklung ist richtig blöd, wenn eine/r zwar Talent zum Schreiben hat, aber keines dazu, sich selbst zu vermarkten. Ego-Branding heißt das auf Neudeutsch. Zum Glück verfüge ich über eine gewisse Großmäuligkeit, deswegen sind Sie hier. Zur Erinnerung: Dieses Web-Tagebuch, das sporadisch deutschen Alltag beobachtet und kommentiert, entstand aus Ärger (siehe Eintrag Nr.1) über die Verlagsbranche, die ihren Job inzwischen einfach grottenschlecht macht. Natürlich gibt es Ausnahmen. Nur: Ich lebe mit einem – in Intellektuellen-Kreisen wohlbekannten – Sachbuch-Autor, und selbst bei dessen Büchern, inzwischen sind es 14 oder 15, schielen die Damen und Herren Verleger/Lektoren jetzt auf „Publikumswirksamkeit“ und „Marktwert“, frei nach dem Motto „also, Vampir-Romane wären der Bringer“. So was Dämliches, wenn einer lieber über Joyce schreibt oder Balladen-Sammlungen herausgibt. Also bitte, tun Sie mir den Gefallen und „liken“ Sie wenigstens mein Buch, wenn Sie einen Facebook-Account haben: einfach auf den Link gehen und dort „Gefällt mir“ klicken. Danke sehr.



162. Charlotte Roche, oder: Was ich an Deutschland mag II

Normalerweise widerspreche ich dem hochgeschätzten Feuilletonchef der AZ nicht – im Fall Charlotte Roche muss es leider sein. Volker Isfort hatte das Spiegel-Gespräch mit der Skandal-Autorin („Feuchtgebiete“) zu ihrem neuen Buch gelesen und befürchtete nun weniger Tabu- als Ermüdungsbrüche. Ich fand das Interview nicht ermüdend, sondern eher ziemlich aufregend. Da sagt mal eine, was Sache ist. Vor lauter Angst, für antifemininstisch gehalten zu werden, traut sich doch sonst kaum jemand, auch nur den Verdacht zu äußern, dass Frauen ihre (Hetero-)Beziehungen scheinbar mutwillig hintertreiben – eine Beobachtung, die in der Praxis gar nicht so selten zu machen ist… Roche hatte allerdings schon gute Ansätze gezeigt, als sie noch FastForward für MTV (oder war’s Viva? Oder VH1?) moderierte, und man konnte sich vorstellen: Wenn die mal erwachsen ist, das wird ein Knaller. Jetzt ist Roche erwachsen, und Alice Schwarzer schreibt ihr einen Brief. Natürlich ehren wir Alice Schwarzer für ihr Lebenswerk, auch wenn sie zuletzt ihre Seele an die BLÖD-Zeitung verkauft hat. Eine demente Oma würden wir ja auch nicht ins Heim stecken, nur weil sie seit ein paar Jahren Unsinn redet. Nein, sie darf bei uns am Tisch sitzen und brabbeln, aber als Vorbild hat sie ausgedient. Neue Leitfigur könnte eine wie Roche werden. Verrückt wie ein Märzhase, das schon – aber wer von uns hätte selbst nicht leicht einen an der Klatsche (außer dir, Mami, klar, und jetzt halt die Klappe)? Authentizität ist die Devise. Die Auflehnung gegen das Frauenbild der „Frauen“zeitschriften, geschenkt – wir brauchen einen echten Gegenentwurf. Muss ja nicht gleich so hysterisch daherkommen wie in „Schoßgebete“. Aber eines steht fest: Durchgeknallt ist das neue Normal. „Frauen – das verrückte Geschlecht“: Erinnert sich wer an die Thesen von Phyllis Chesler? Nein? Egal – wir mit Krankheitsfantasien („die spinnt doch“) marginalisierten und mit der passiv-aggressiven Mutmaßung endloser Muster-Wiederholungs-Schleifen („mach nicht den gleichen Fehler wie ich, Kind“) eingeschüchterten Frauen müssen uns aus der Opferecke heraus bemühen und zu unsere Neurosen stehen. Das kann Roche doch schon richtig gut.

Und hier noch die passende Illustration…

Miss Birdsong: They Wore Their Mother´s Bones Like Scarlet Letters (via flickr), gefunden bei Frank T. Zumbachs Mysterious World



155. Als es für Deutschland noch Hoffnung gab

Wie ehrlich können Memoiren sein? Gerade habe ich welche gelesen, die mir zumindest die 1960er-Jahre ff. und den Deutschen Herbst erklären, eine Zeit, in der ich die entscheidenden Jahre zu jung war, um sie wirklich zu verstehen: Die Zwillinge oder Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen. Zwei Schwestern aus der Provinz, die Bob Dylan, den Kommunismus und Rainer Langhans toll und ihrem Weg aus dem miefigen Kassel in die weite Welt fanden – wen soll das interessieren, fragen Sie? Oh, bei den Schwestern handelt es sich um Gisela Getty und Jutta Winkelmann (genau: die Zwillinge, die jetzt, als freundliche ältere Damen, wieder oder immer noch um jenen notorischen Kommunarden kreisen, der kurzfristig zur Ikone der Schuhwerbung auf- und zwischendurch ins Dschungelcamp abgestiegen war). Diese Langhans’sche Kurve scheint mir bezeichnend. Denn wie die Zwillinge sich und ihre Zeit erlebt haben, spricht – vom Co-Autor Jamal Tuschik („Aufbrechende Paare“) einfühlsam in Form gebracht – von der Hoffnung auf ein anderes Deutschland, eine andere Art zu leben, zu lieben und zu arbeiten. Selten habe ich diese Hoffnung so unzynisch, so unverblümt, mit so wenig theoretischem Über- oder Unterbau, so vorpsychologisch, so w e i b l i c h erzählt bekommen. (Jaja, ich höre das Aufheulen meiner feministischen Freundinnen bis hierher.) Und was, bitte, ist aus dieser verträumt antikapitalistischen Blumenkinder-Summer of Love-cum-Frauenbefreiung (vulgo: mehr oder weniger besinnungsloses Herumvögeln) -Hoffnung nun geworden? In der aktuellen ZEIT seufzt Ursula März auf Seite 49 erschöpft: „Lasst mich in Ruhe! – Warum ich die ständigen Debatten über die gesellschaftliche Rolle der Frau nicht länger ertrage“. Vielleicht hatte März ein ähnliches – weibliches – Lebensgefühl vor Augen wie jenes, das die Zwillinge in ihren unverkopften (manche würden sagen: arg naiven) Memoiren in die Gegenwart transportieren, so ehrlich sie’s eben können. Nach dieser Lektüre möchte ich mich sofort dem Vorschlag der Ursula März am Ende ihres ZEIT-Artikels anschließen: „ein Redemoratorium von, sagen wir, zwei Jahren. Mal zwei Jahre lang kein Gerede über Frauenrollen und Frauenleben. Zwei Jahre nichts als Ruhe und zur Ruhe kommen. Der Vorstandsvorsitz der deutschen Bank und die Herausgeberschaft der FAZ laufen uns dabei nicht weg.“ Ach: versuchen wir tasächlich immer noch, Geist und Geld zu küssen? Anscheinend ja, allerdings macht das Leben in Deutschland, so wie es heute ist, (nicht nur) Frauen zu gehetzten, überforderten, aggressiven Wesen, denen nur die milde Reminiszenz des TV-Werbespots eine Ahnung vermittelt vom Sich-treiben-lassen, von der Sehnsucht nach Aufbruch…





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